EXPERTEN

10:18 | 06.02.2012
Analysten Bremer Landesbank – „Countdown“ in Griechenland – Fokus auf „High Noon“ (Andenken an Gary Cooper)

Der Euro eröffnet heute (07.53 Uhr) bei 1.3065, nachdem im Verlauf der letzten 24
Handelsstunden Tiefstkurse im frühen heutigen europäischen Handel bei 1.3056 markiert wurden.
Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 76.70. In der Folge notiert EUR-JPY bei 100.20,
während EUR-CHF bei 1.2058 oszilliert.
Das Thema Griechenrettung spitzt sich zu. EU-Gruppenchef Juncker schließt ein Scheitern
Griechenlands nicht mehr aus. Der „Countdown“ läuft!
Die internationalen Kreditgeber haben Griechenland ein Ultimatum gestellt. Bis Montagmittag
müssten die Koalitionsparteien mitteilen, ob sie die Sparauflagen im Gegenzug für weitere
Finanzhilfen akzeptierten, sagte ein Sprecher der sozialistischen Pasok-Partei am Sonntag. Dann
wäre es zeitlich noch möglich, dass die Euro-Arbeitsgruppe in Brüssel über die Absichtserklärung
beraten könne. Obwohl sich die drei Parteien am Sonntag auf Kürzungen im Umfang von 1,5
Prozent des Bruttoinlandsprodukts einigten, steht ein Ja zu wichtigen Forderungen der EU, der
Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds noch aus. Dabei geht es unter
anderem um den Mindestlohn und Hilfen für den angeschlagenen Bankensektor. In der Nacht
sollten die Verhandlungen fortgesetzt werden.
Die Regierungsparteien Griechenlands fürchten sich vor den Reaktionen der Wähler als Folge
weiterer Einsparungen. Für Dienstag planen Gewerkschaften bereits Streiks. Im April stehen die
Parlamentswahlen an.
Die Politiker sollten vielmehr einen Bankrott des Landes fürchten. In der Tat sind die Forderungen
der Troika erheblich und sehr schmerzhaft. Noch schmerzhafter wäre jedoch der Bankrott für die
Griechen.
Somit stellt sich für griechische Politiker die Frage jetzt „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“ zu
begehen oder wie die griechischen Helden, Schmerz mannhaft zu ertragen. Man sollte sich ein
Beispiel an Odysseus nehmen. Dann klappt das auch mit Griechenland.
Es langt definitiv nicht nur von griechischen Tugenden und Errungenschaften mit Pathos zu reden,
sondern sie zu leben. Das ist den Griechen in den letzten Jahrhunderten zunehmend verloren
gegangen. Das gilt insbesondere für die (vermeintlichen) Eliten, deren Reflexe als absolut
unsolidarisch zu klassifizieren sind.
Der globale Finanzmarkt schaut auf Athen. Bis heute Mittag 12.00 muss sich die Politik auf die
Forderungen der Troika einlassen oder das zweite Rettungspaket ist gescheitert. Dann wäre
Griechenland im März nicht mehr in der Lage, seinen Verpflichtungen nachzukommen.
Mithin ist der Vergleich mit dem Filmklassiker „High Noon“ (Gary Cooper) gerechtfertigt. Wir sind
gespannt, ob jemand im Staub liegen wird oder eine sinnvolle Lösung erreicht wird.
Den Griechen sei ins Stammbuch geschrieben, dass die Großzügigkeit mit der Abschirmung
einerseits und Schuldenerlass der „privaten Gläubiger“ andererseits eine massive Subvention
darstellen, aus der sich auch eine Verpflichtung ergibt. Wer glaubt, in einer solchen Situation
levantinische Politik betreiben zu können, und damit faktisch den Gebern auf der Nase
herumtanzen will, der irrt gewaltig. Die Ansage der Troika ist hier eindeutig und das ist richtig so!
Die Einwände, dass die geforderten Maßnahmen zu hart sind, sind sicherlich in Teilen
gerechtfertigt. Andererseits ist es erforderlich, das griechische Geschäftsmodell nachhaltig
umzubauen.
Um Konkurrenzfähigkeit herzustellen, muss in der Eurozone, die nicht das schleichende Gift der
Währungsabwertung offeriert, die Anpassung über sinkende Löhne erfolgen. Anders ausgedrückt
war die Lohnentwicklung in den Jahren zuvor zu aggressiv und damit zu hedonistisch. Der Weg
zurück schmerzt.
Der Vorteil den die Griechen gegenüber Ländern ohne Währungszone haben, liegt in der
Abschirmung bei Niedrigzinsen (Schweden 1992, Abwertung bei gleichzeitigem Hochzinsniveau).
Damit wird die notwendige Lohnanpassung alimentiert.
Heute gilt es, geduldig zu sein, und sich dem Primat der Politik zu unterwerfen und zu ertragen,
was geliefert wird.
Positiv ist anzumerken, dass ein Unfall Griechenlands in Form eines Staatsbankrotts heute besser
zu verarbeiten wäre als vor sechs oder gar 12 Monaten. Der globale Finanzmarkt hat sich dieser
Option angenähert und zu großen Teilen bereits diskontiert.
Dennoch beinhaltet auch eine geordnete Insolvenz Griechenlands erhebliche Risiken. Da stimme
ich umfänglich Herrn Ackermann zu.
Die für die Eurozone Verantwortlichen wären gut beraten, wenn sie sich für diesen Fall Gedanken
machten und Maßnahmen vorbereiteten, die eine Infektion Portugals & Co. im Keim verhindern
helfen würden.
Werfen wir einen Blick auf die Konjunkturfront::
Die Eurodefizitkrise fordert ihren Tribut. Die Daten der Eurozone sind derzeit wenig erbaulich. Der
Einkaufsmanagerindex des Dienstleistungsbereichs stellte sich per Januar auf 50,4 Punkte, knapp
oberhalb der Marke von 50 Zählern, die zwischen Wachstum und Kontraktion unterscheidet.
Analysten hatten 50,5 Punkte erwartet.
Die Einzelhandelsumsätze der Eurozone per Dezember verfehlten die Erwartungen. Im
Monatsvergleich kam es zu einem Rückgang um -0,4%. Die Prognose lag bei 0,3%. Die Revision
des Vormonatswerts von -0,8% auf -0,4% nivellierte das negative Bild partiell bezüglich der
Erwartungshaltung. Im Jahresvergleich ergab sich ein Rückgang um -1,5% (Prognose -1,3%)
nach zuvor -1,5% (revidiert von -2,5%).
Der Rest der Welt kann jedoch erheblich punkten. Das globale Konjunkturbild ist mehr als
erfischend uns setzt positive Akzente:
Der globale Einkaufsmanagerindex, der von JP Morgan berechnet wird, legte für den Sektor
Produktion per Januar von zuvor 52,7 auf 54,6 Punkte deutlich zu. Der globale
Dienstleistungsindex verzeichnete einen Anstieg von 53,0 auf 55,4 Punkte.
Die Daten aus den USA passen nahezu perfekt in dieses globale Konjunkturbild, das von
positiven Überraschungswerten geprägt wird.
Per Berichtsmonat Januar sank die US-Arbeitslosenquote von zuvor 8,5% auf 8,3%. Die
Beschäftigung außerhalb des Agrarsektors legte unerwartet stark um243.000 Jobs zu. die
Prognose war bei 150.000 angesiedelt. Der Vormonateswert wurde von 200.000 auf 203.000 nach
oben revidiert. Das Bild hellt sich am US-Arbeitsmarkt zunehmen auf! Nachfolgender Chart
verdeutlicht diese positive Tendenz ausgehend vom August 2011 bei 85.000 neu geschaffenen
Stellen.
Der Auftragseingang der US-Industrie konnte per Dezember insgesamt überzeugen. Im
Monatsvergleich kam es zu einem Anstieg um 1,1%. Erwartet war eine Zunahme um 1,5%.
Gleichzeitig wurde der Vormonatswert von +1,8% auf +2,2% revidiert, so dass das aggregierte
Ergebnis weitgehend den Erwartungen entsprach.
Der ISM-Dienstleistungsindex per Januar setzte einen fulminanten positiven Akzent. Der Index
legte unerwartet stark von zuvor 52,6 (revidiert von 53,0) auf 56,8 Punkte zu. Die Prognose lag bei
lediglich 53,0 Zählern.
Mit diesem Anstieg markiert der ISM-Dienstleistungsindex den höchsten Stand seit März 2011.
Seinerzeit lag der Index bei 57,3 Punkten.
Auch die Subindices unterstützten diese positive Bild umfänglich. Der Index, der die
Geschäftstätigkeit misst, stieg von 56,2 auf 59,5 Punkte an. Der Auftragsindex verbesserte sich
deutlich von 53,2 auf 59,4 Punkte, während der Beschäftigungsindex von 49,4 massiv auf 57,4
Zähler zulegte.
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den EUR gegenüber dem USD favorisiert. Ein
Unterschreiten des Unterstützungsniveaus bei 1.2900 – 1.2930 neutralisiert den positiven Bias
des Euros.
Viel Erfolg!


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