EXPERTEN

10:56 | 08.01.2009
Smart Investor: Über Sinn und Un-Sinn von Prognosen – Ein Blick auf 2009

Der Beginn eines neuen Jahres bietet sich natürlich für die Auguren einer Nation geradezu dazu an, ihre Prognosefähigkeiten zum Besten zu geben – meist mit verdammt geringem Erfolg.

Willkommen in 2009! Ich wünsche Ihnen im Namen der Smart Investor Mannschaft ein erfolgreiches und gutes neues Jahr – auf dass die haarsträubenden Prognosen, die man derzeit überall lesen darf/muss – ein gutes Stück neben der Realität liegen werden. Apropos danebenliegen: Wie Sie dem Artikel „Konjunkturforscher sind keine Wahrsager“ im aktuellen Smart Investor Heft auf S. 24 entnehmen können, kann man die Wirtschafts- und Konjunkturprognosen hinsichtlich ihrer Trefferwahrscheinlichkeit getrost vergessen. Das wäre allerdings noch verzeihbar, wenn sie wenigstens hinsichtlich der Tendenz richtig lägen. Aber an den markanten Wendepunkten – also dort, wo es wirklich wichtig wäre – versagen Konjunkturforscher total.


Quelle: Smart Investor 1/2009, S. 25

Wird 2009 ein Horrorjahr?
Die Konjunktur-Prognosen für 2009 sind, wie gesagt, furchtbar: sie reichen von einer Schrumpfung um 3% im drastischsten Fall bis zu einer Stagnation um die 0% für das deutsche Bruttoinlandsprodukt. D.h. von der pessimistischsten bis zur optimistischsten Prognose beträgt der Anstand satte 3 Prozentpunkte. In früheren Zeiten lag der Abstand meist unter einem, manchmal sogar unter einem halben Prozentpunkt. So etwas wie jetzt gab’s noch nie! Das ist absoluter Wahnsinn, denn letztendlich sagt dies aus, dass die Forscher derzeit null Ahnung über die Zukunft haben. Im Durchschnitt sagen die Forscher übrigens einen Abschwung von etwa 1,5% für 2009 voraus. Ganz besonders tut sich dabei das renommierte Münchner Ifo-Institut bzw. sein Chef Hans-Werner Sinn hervor, den ich als Student an der Münchner Universität noch genießen durfte. Dieser sprach nämlich jüngst von einer „konjunkturellen Eiszeit“, die Deutschland in den nächsten beiden Jahren bevorsteht.https://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,druck-599389,00.html

Ihm zu glauben, fällt dabei den meisten Menschen derzeit überhaupt nicht schwer, wird man doch schließlich aktuell mit Horrorbotschaften in den Medien dauerbeschallt. Deshalb fragten in den letzten Wochen auch so viele Leser bei uns an, ob wir unseren positiven Börsen-Ausblick für die kommenden Jahre wirklich ernst meinen.

Schon früher daneben gelegen


Aber noch mal zurück zu Herrn Sinn und seinen sinnigen Aussagen. Sehen wir uns doch mal an, was er und seine Zunft vor ziemlich genau sechs Jahren, also für die Jahre 2003 ff vorhersagten. Der Spiegel überschrieb den damaligen Artikel mit „Deutsche Depression – Endzeitstimmung in Jammerland“. Nun muss man wissen, dass damals das gröbste der Rezession – zumindest weltweit gesehen – bereits durchgestanden war. Diese Untergangsstimmung herrschte also praktisch genau am Tiefpunkt der Konjunktur und vor allem am Tiefpunkt der Aktienbörsen, und die Konjunkturforscher bliesen dabei alle ins selbe Horn, übrigens auch Herr Sinn, der in diesem Spiegel-Artikel kurz erwähnt wird:

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,228755,00.html

Wer also auf solche Auguren hört und seine Investments danach ausrichtet, der könnte sein Geld gleich zum Fenster rauswerfen. Sorry, für diesen harten Ausdruck, aber letzten Endes läuft es doch darauf hinaus, oder? Damals, Ende 2002 bzw. Anfang 2003 hätte man natürlich kaufen müssen, denn damals startete eine vierjährige Hausse, in deren Zuge der DAX mehr als 250% zulegte. Na gut, möchte man meinen, man kann sich ja auch mal täuschen. Also sehen wir uns an, was z.B. der gute Herr Sinn vor etwa einem Jahr von sich gegeben hat, kurz bevor die jetzige Krise begann:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,472072,00.html

Über Sinn und Un-Sinn von Prognosen

Der Spiegel brachte demnach am 16.3.2007 die Headline: „Wirtschafts-Optimismus: Ifo-Chef Sinn prophezeit Aufschwung bis 2010“. Na so was aber auch: kurz vor dem dramatischsten Einbruch für Wirtschaft und Börse malt Herr Sinn und viele seiner Kollegen in rosarot. Verehrte Leserinnen und Leser, was bitte nutzen solche Prognosen? Falls Sie meinen: nichts, dann haben Sie sich getäuscht. Denn Herr Sinn ist mit seinen Aussagen ein Kontra-Indikator aller erster Klasse. Wir müssen nur den Sinn der Sinn’schen Aussagen verdrehen, also sie sozusagen als Un-Sinn interpretieren, und schon haben wir eine ziemliche sinn-volle und vor allem gewinnbringende Aussage.

Wenn man sich schon auf das gefährliche Gebiet der Prognostik begibt, dann sollte man auch eine Trefferwahrscheinlichkeit vorweisen können, die (deutlich) über 50% liegt. Auch wenn wir bei Smart Investor das eine oder andere Mal mit unseren Vorhersagen danebenlagen, so müssen wir uns insgesamt doch in keiner Weise verstecken. Wir hatten frühzeitig vor der Baisse gewarnt und haben Ende Oktober dann die Hausse ausgerufen. Unser jetziger Ausblick für 2009 und die Jahre danach ist hinsichtlich der Aussagen absolut herausragend aus der Masse aller Auguren, zumindest haben uns dies zahlreiche Leser so bestätigt. Dies ist natürlich noch keine Garantie dafür, dass die Zukunft auch so eintreten wird. Deshalb bleiben wir auch laufend am Ball und überprüfen unsere super-bullishen Aussagen regelmäßig daraufhin, ob sie noch sinn-voll sind. Bis jetzt haben wir jedoch nicht den Hauch eines Zweifels, dass wir damit falsch liegen werden. Und zumal wir Herrn Sinn auf der anderen Seite des Prognosenspektrums wissen, sehen wir hierin auch aus Sentimentsicht einen Punkt, der für unsere These eine Crack-up-Booms spricht.

Charttechnik
Abstürze, wie wir sie in den letzten Monaten erlebt haben, sind charttechnisch keinesfalls einfach zu analysieren. Zu steil ging alles nach unten, als dass man mit klassischer Trendanalyse noch gut vorankommen würde. Um Ihnen einen Eindruck zu vermitteln, wie wir bei Smart Investor an einen Index wie den DAX in einer solchen Phase herangehen, werfen Sie bitte einen Blick auf den beigefügten Chart. Dort ist der Abwärtstrendkanal eingefügt, wie er sich unseres Erachtens abgeleitet aus den Hoch- und Tiefpunkten des ersten Halbjahres 2007 ergibt (rote Linien). Außerdem sehen wir auch die grüne leicht abfallende Widerstandslinie als wichtig, sowie auch den blau eingezeichneten 200-Tage-Durchschnitt.

Wir sehen es als positiv an, dass der DAX zuletzt wieder in seinen Abwärtstrend zurückkehren konnte, auch wenn der bisherige Versuch noch nicht nachhaltig sein dürfte. Es ist demnach damit zu rechnen, dass um die untere Trendkanal-Linie noch gerungen werden wird. Das große Ziel für die nächsten Monaten dürfte jedoch eher im Bereich der oberen Trendkanal-Linie bzw. der grünen oder der blauen Linie liegen, also bei rund 6.000 DAX-Punkten (mit leicht fallender Tendenz). Dort wäre unseres Erachtens die erste Etappe des neuen Bullenmarktes erreicht. Wir vermuten, dass dies sogar noch im ersten Quartal 2009 der Fall sein könnte. Das große Bild für die Aktien- und Rentenmärkte, so wie wir es sehen, können Sie detailliert in meinem Kapitalmarktausblick im aktuellen Heft nachlesen.

Musterdepot
Wie bereits erwähnt, hatten wir das Baissejahr 2008 sehr gut prognostiziert – meines Wissens als einziges Börsenmagazin in Deutschland. Allerdings – und hier müssen wir auch einen Fehler zugeben – hatten wir bereits Anfang Oktober begonnen für das Musterdepot zu kaufen. Ein paar Wochen zu früh, wie man im Nachhinein sagen muss. Damit fiel unsere Gesamt-Jahresperformance leider negativ aus, sie liegt bei rund -12%. Allerdings müssen wir uns dafür nicht schämen. Uns ist kaum ein Musterdepot mit einer solch „guten“ Performance für 2008 bekannt. Der DAX gab übrigens in 2008 über 40% ab.

Hinweis
Nur um etwaigen Fragen vorzubeugen: Dieser Smart Investor Weekly ist der erste in diesem Jahr, er trägt aber die Nummer 2/2009. Dies hat damit zu tun, das sich unsere Nummerierung nach der Kalenderwoche orientiert, und diese Woche ist eben die zweite Kalenderwoche des Jahres 2009.

Fazit
Prognosen sind ein schwieriges Geschäft, daran kann kein Zweifel bestehen. Wir glauben, dass wir einiges von diesem Metier verstehen, wenngleich wir natürlich nicht unfehlbar sind. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass wir uns bei unserem bullishen Kapitalmarktausblick für 2009 einiges gedacht haben, und nicht nur wahllos auf den Putz hauen wollten. Sollte sich unsere Meinung zu den Märkten ändern, dann werden wir dies an dieser Stelle oder im Heft rechtzeitig kundtun. Übrigens, einen Ausblick für die Edelmetalle und den Dollar bzw. den Euro finden Sie im aktuellen Heft nicht. Dieser findet im nächsten Heft statt.

Ralf Flierl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag.



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