KOLUMNEN

13:04 | 11.02.2011
GTL: Gas-to-Liquids – von Gas zu flüssig

Als die Alliierten Ende der 1940er Jahre Deutschlands Rohöl-Raffineriekapazitäten bombardierten, rollte die Nazi-Kriegsmaschinerie unbeeindruckt weiter, da fortan Diesel verwendet wurde, das aus Kohle hergestellt wurde. Zwei Wissenschaftlern – Franz Fischer und Hans Tropsch – gelang es in den 1930ern diesen Umwandlungsprozess zu entwickeln, welcher noch heute ihre Namen trägt.

Behalten Sie die aktuellen Entwicklungen rund um diesen Umwandlungsprozess, der heute Erdgas in Diesel umwandelt, im Auge, da dieser dazu imstande ist, den Markt in Nord-Amerika zu verändern. In Katar wird bereits “gestrandetes” Erdgas (der Begriff “gestrandet”, frei übersetzt aus dem Englischen von “stranded”, bezieht sich auf Erdgas, für das es keinen lokalen Markt gibt). Per Definition ist “stranded” Erdgas praktisch wertlos, da es nur über relativ aufwendige bzw. teure Verflüssigungsprozesse veredelt bzw. brauchbar gemacht werden kann – so dass seine Absatzmärkte begrenzt bis nicht vorhanden sind. 

Die Marktfähigkeit für diesen GTL-(“gas-to-liquids”) Prozess ist in Märkten wie Katar nur möglich, da der Preis für ein derartiges Gas dort sehr gering ist, und weil der Transport des Endprodukts (Diesel) mit der verfügbaren Tankerflotte ohne grössere Umstände dorthin gebracht werden kann, wo es benötigt wird. 

Die ersten Anzeichen für eine potenzielle nord-amerikanische Version von diesem Geschäftsmodel konkretisierten sich Ende Dezember als Talisman Energy Inc. aus Calgary in Kanada bekannt gab, 50% seiner Anteile am Farrell Creek Schiefergas-Projekt in British Columbia (Kanada) verkauft zu haben – für 1,05 Mrd. kanadische Dollar. Das Farrel Creek Grundstück liegt innerhalb der produktionsreichen Montney-Gegend, das sich über die Alberta- & British Columbia-Grenzen erstreckt und eines der wenigen Erdgas-Gegenden darstellt, das dazu imstande war, den nord-amerikanischen Erdgasmarkt kurzzeitig auf den Kopf zu stellen.

 Der Käufer ist SASOL Ltd. aus Süd-Afrika – ein Energie-Gigant, welches eines der insgesamt zwei Unternehmen weltweit darstellt, das kommerziell GTL-Projekte betreibt und weitere plant (das andere Unternehmen ist Shell). Talisman und SASOL haben ein Joint-Venture gebildet, um eine zweijährige Machbarkeitsstudie für eine GTL-Fabrik durchzuführen – irgendwo in West-Kanada (meine Vermutung geht in Richtung Alberta, wobei British Columbia selber eine grosse Kampagne auflegt). 

SASOL verfügt zweifelsfrei über die meisten Erfahrungen mit GTL, da die Firma bereits in den 1950er gezwungen war, den Fischer-Tropsch-Prozess zu verwenden, um die süd-afrikanische Kohle in flüssigen Treibstoff umzuwandeln. Das Land befand sich damals aufgrund des Apartheid-Systems unter einem Öl-Embargo. Seitdem haben SASOL (und andere) den Prozess verfeinert, so dass dieser nun auch Erdgas, anstatt Kohle, als Einsatzprodukt benutzen kann. Und tatsächlich hat SASOL vor kurzem ein Kohle-Projekt auf Eis gelegt und vor nur 6 Monaten verkündet, die Welt nach Schiefergas-Partnerschaften zu durchkämmen. 

Was wirklich die Dynamik für diesen Prozess in Nord-Amerika verändert hat, ist Schiefergas. Vor nur einem Jahrzehnt wurde noch allgemein angenommen, dass das Angebot an Erdgas in Nord-Amerika stetig abnimmt und dass Preise eskalieren würden, da das Angebot des Kontinents nicht mit der Nachfrage mithalten kann. 

Aber so wie es auch oftmals der Fall ist findet die Technologie einen neuen Weg, um die Dinge auf eine neue Weise zu regeln. Eine Kombination aus Horizontal-Bohrtechniken und der Möglichkeit, Schiefergas-Reservoirs hydraulisch zum Brechen und Bersten zum Bringen, ermöglichte eine dramatische Umkehr des Angebotsrückgangs. Der beste Beweis für diese Kehrtwende kann durch das aktuelle Angebot von Kitimat LNG erkannt werden, das Gas von Western Canadian in die asiatischen Märkte zu exportieren. Als dieses Projekt erstmals angeboten wurde, sollte es ein LNG-Import-Terminal werden. 

Dieses aufkeimende Angebot an Erdgas hat den Markt in Nord-Amerika derart aus der Fassung gebracht, dass auch die Preisbeziehung zwischen Rohöl und Gas nicht mehr die gleiche war wie früher. Für die meiste Zeit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und Anfang dieses Jahrhunderts bewegten sich der Preis für Gas und Öl Hand in Hand. Nun kostet Gas nur noch $4 pro tausend Kubikfuss – etwa 25% weniger als was Öl derzeit kostet. Es ist klar, dass Erdgas und nicht Rohöl verwendet wird, um Diesel herzustellen. Die Erwartungen der Industrie für die nächsten 5 Jahre liegen bei Rohöl zwischen $80 und $100 pro Barrel, während Erdgas zwischen $20 und $40 pro äquivalentem Öl-Barrel erwartet wird. 

GTL ist nicht die einzige Option, um die Nutzungsmöglichkeiten von Erdgas zu erweitern. Natural Resources Canada war der Sponsor für eine offene Diskussionsplattform, um Gas als Transport-Treibstoff zu benutzen – und ihr erster Report wurde vor erst einer Woche bekanntgegeben. Der Fokus dieser Studie war eindeutig, das Gas selber zu verwenden – entweder in Druckluft- (CNG) Tanks für kleinere Fahrzeuge, oder eben in verflüssigter Form (LNG) für grössere Transport-, Schienen- und Wasser-Fahrzeuge.

Die 2 grössten Hürden für diesen Ansatz sind die Notwendigkeit von Infrastruktur (Erdgas-Tankstellen in gleicher Häufigkeit wie herkömmliche Benzin-Tankstellen), sowie die Umbaukosten für Fahrzeuge, die derzeit Diesel verbrennen. GTL benötigt nichts dergleichen, da es eine Flüssigkeit produziert, die mittels der bereits vorhandenen Infrastruktur bereitgestellt werden kann. Es bleibt abzuwarten, ob die zusätzlichen Raffinerie-Kosten einer GTL-Anlage schwieriger in den Griff zu bekommen sind als die massiven Infrastruktur-Kosten der CNG/LNG-Alternative. 

Welcher Prozess auch immer das Rennen machen wird – und beide könnten durchaus weiter vorangetrieben werden – so gibt es schlagkräftige Wirtschaftlichkeitsgründe, um das Beste aus einem Treibstoff zu machen, dass für nur 25% des Preises von Produkten verkauft wird, die aus Rohöl generiert werden. Ganz zu schweigen von den ökologischen Gründen und Umwelt-Vorteilen (Erdgas verbrennt weitaus sauberer als ölbasierte Treibstoffe), die eine signifikante Eigendynamik und Triebkraft für diese Bewegung geben können.

All diese Entwicklungenum und über einen Treibstoff, der vor einem Jahrzehnt noch als rückläufig betrachtet wurde.

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