KOLUMNEN

13:54 | 22.09.2010
Vietnam beerbt China im Billiglohnsektor

Die Nachricht mag aus unserer deutschen Sicht absurd erscheinen — aber sie spiegelt die Realitäten in der globalisierten Welt wider: Der Modekonzern Calvin Klein will seinen Textil-Lieferanten Top Form keine neue Fabrik mehr in China hochziehen lassen. Der Grund: Das Land sei als Produktionsstandort inzwischen schlichtweg zu teuer geworden.

In der Tat ziehen die Löhne im Reich der Mitte schon seit einigen Jahren kräftig an (wir berichteten). Dies gilt vor allem für den Niedriglohn-Bereich, denn die Regierung will den neuen Wohlstand gerechter verteilen und soziale Missstände ausbügeln. 2009 gab es bei den staatlich verordneten Mindestlöhnen wegen der Finanzkrise noch eine Nullrunde, doch bereits in diesem Jahr wurde wieder kräftig draufgesattelt. Im Durchschnitt werden die Mindestlöhne — je nach Provinz — voraussichtlich um 17 Prozent steigen.

Große westliche Konzerne mussten teilweise sogar noch weit höhere Steigerungen hinnehmen. So zahlt der Elektronikriese Foxconn seinen vielen hunderttausend chinesischen Arbeitern künftig 30 bis 60 Prozent mehr Lohn, um den sozialen Frieden in seinen Mega-Fabriken zu gewährleisten. Foxconn hat dementsprechend angekündigt, seine neuen Fabriken demnächst weit ins chinesische Hinterland zu legen, wo die Löhne noch vergleichsweise niedrig sind.

Doch nicht alle westlichen Konsumartikler werden ins chinesische Hinterland ziehen. Denn viele andere asiatische Länder stehen bereits Gewehr bei Fuß, um unseren Bedarf an Billigprodukten noch günstiger zu decken. Besonders beliebt als neue Produktionsstandorte sind bettelarme Länder wie Bangladesh und Kambodscha — und besonders das formal noch sozialistische Vietnam.

Gerade Vietnam hat einen beeindruckenden Boom hinter sich, seit das vom Westen bis dato eher gemiedene Land 2006 der Welthandelsorganisation beitrat. Dieser Aufschwung wurde insbesondere vom Export und von erheblichen ausländischen Direktinvestitionen getrieben. Vor allem die
Billigartikler aus den Bereichen Textilien und Leichtindustrie strömen derzeit in Scharen ins Land, und die Exportindustrie zieht überall neue Fabriken hoch. Dies ist auch kein Wunder, denn der vietnamesische Durchschnittslohn liegt rund 60 Prozent unter dem in China vorherrschenden Niveau.

Dementsprechend hat das Land bereits zahlreiche ehemals chinesische “Kernkompetenzen” an sich gerissen. Vietnam ist heute beispielsweise der weltweit größte Hersteller und Exporteur von Schuhen. Daneben nimmt das Land auch bei vielen Agrargütern eine global führende Position ein; etwa bei der Ausfuhr von Kaffee, Reis und Meeresfrüchten. Angesichts des deutlichen Lohngefälles innerhalb Asiens ist davon auszugehen, dass sich die Bedeutung des Landes als Hersteller von billigen Massenprodukten in den nächsten Jahren noch stark vergrößert.

Zweifellos werden die etablierten Produzentenländer nicht sämtliche Aufträge an den neuen Konkurrenten verlieren. Gerade im Fall Chinas werden nämlich der hohe Organisationsgrad und die Effektivität der dortigen Exportwirtschaft immer wieder unterschätzt. In Vietnam dagegen lässt für die westlichen Abnehmer noch vieles zu wünschen übrig — von der mangelnden Ausbildung der Arbeiter über die fehlenden Zulieferer bis hin zur Sicherheit der Stromvorsorge. Dies sind allerdings Kinderkrankheiten, die in den kommenden Jahren behoben werden dürften.

China und Indien haben bereits vorgemacht, dass der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur kein Problem darstellt, wenn erst einmal die Auftragslage stimmt, und die Dollars und Euros reichlich zu fließen begonnen haben.

Die hohe Inflation in Vietnam und die Kurskapriolen an der dortigen Börse sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land derzeit wirtschaftlich erheblich vorankommt. Die Chancen stehen gut, dass sich hier die grandiose Entwicklung wiederholt, die in den vergangenen Jahrzehnten in Tigerstaaten wie Taiwan, Thailand oder Malaysia stattfand. Diese Länder haben ihren Wohlstand in wenigen Jahren vervielfacht, und dabei auch die dort engagierten Aktienanleger glücklich gemacht.

Und auch in Vietnam ist der Billiglohn-Sektor lediglich der erste Baustein für das Wachstum der Zukunft. Davon zeugen nicht nur die immensen Investitionen, die dort derzeit in den Tourismus fließen, sondern auch die ersten High-Tech-Investments großer ausländischer Konzerne. Intel beispielsweise hat in der Nähe von Ho-Chi-Minh-Stadt jüngst ein riesiges Halbleiterwerk hochgezogen. Die Amerikaner investierten in die Anlage mehr als 1 Milliarde Dollar.


NEWSLETTER

Abonnieren Sie jetzt unseren
aktuellen Newsletter

WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN

05:35 Uhr | 24.11.2017
Pressestimme: 'Berliner Zeitung' ...


05:35 Uhr | 24.11.2017
Pressestimme: 'Frankfurter ...


05:35 Uhr | 24.11.2017
Pressestimme: 'Die Welt' zur neuen ...


05:35 Uhr | 24.11.2017
Pressestimme: 'Berliner ...


05:35 Uhr | 24.11.2017
Pressestimme: 'Kölner ...