15:35 | 20.09.2011
Berenberg-Chefvolkswirt fordert klares Bekenntnis Deutschlands zum Euro
FRANKFURT (dpa-AFX) – Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger
Schmieding, fordert ein klares Bekenntnis Deutschlands zum Euro. “Viele
ausländische Anleger glauben, dass Deutschland aus dem Euro aussteigen wird”,
sagte Schmieding am Dienstag in Frankfurt. “Die Erwartung ist zwar völlig
absurd. Aber alles, was diese irrationale Furcht nährt, kann schwere
Marktturbulenzen auslösen und unserer Konjunktur schaden.”
Die jüngsten Daten zeigten, dass die Finanzmarktturbulenzen bereits auf die
Realwirtschaft übergegriffen hätten und auch die deutsche Konjunktur belasten
könnten, sagte Schmieding. Ereignisse wie der Rücktritt des Chefvolkswirts der
Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, würden solche Erwartungen
verstärken und zu einem Rückzug ausländischer Investoren führen.
“Das deutsche Gerede über eine Staatspleite Griechenlands kann einen
Käuferstreik für italienische und spanische Anleihen auslösen”, sagte
Schmieding. Italien und Spanien stünden zwar deutlich besser da als
Griechenland, aber viele Anleger sähen in Griechenland einen Präzedenzfall für
das Schicksal Italiens und Spaniens. Es sei ein Fehler gewesen, dass man im Juli
eine teilweise Gläubigerbeteiligung bei der Lösung der Griechenlandkrise ins
Auge gefasst habe, aber gleichzeitig Länder wie Spanien und Italien nicht
abgesichert habe.
Grundsätzlich hält Schmieding die Käufe von Staatsanleihen durch die
Europäische Zentralbank (EZB) für richtig. Allerdings sollte die EZB nur bei
Panikattacken an den Märkten intervenieren. Voraussetzung sei jedoch, dass die
betroffenen Länder eine solide Haushaltspolitik betreiben. Dies müsse von einer
unabhängigen Institution überwacht werden. “Die EZB muss den Eindruck vermeiden,
dass sie ein bestimmtes Zinsniveau verteidigt.”
Eine Beruhigung der Märkte kann laut Schmieding nur durch die EZB erfolgen.
“Der Rettungsfonds EFSF ist derzeit zu klein, um Italien glaubhaft gegen eine
irrationale Panik abzusichern”, sagte Schmieding. Ein noch größerer EFSF sei
hingegen keine Lösung, da ansonsten Frankreich seine Topnote “AAA” verlieren
könnte.
Fundamental sieht Schmieding Italien auf einem guten Weg. Das Land habe zwar
einen hohen Schuldenstand. Die Haushaltsdefizite seien aber in den letzten
Jahren immer niedrig geblieben. Nach den beiden Sparpaketen mit einem Volumen
von über 100 Milliarden Euro stehe Italien besser da als zuvor. “Allerdings hat
die politische Diskussionen zu einer zusätzlichen Verunsicherung der Märkte
geführt.” Grundsätzlich sieht Schmieding die Länder der Eurozone mit ihren
Reformen auf einem guten Weg. “Dies kann langfristig zu einer stärkeren Eurozone
führen.”/jsl/bgf
|