12:37 | 03.02.2012
Börse Frankfurt-News: Der Aufschwung Amerikas (Hüfners Wochenkommentar)
FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) – 3. Februar 2012. Die US-Wirtschaft hat
zuletzt an Fahrt aufgenommen. Das wird nicht nur eine vorübergehende Entwicklung
bleiben. Die USA hat in den letzten Jahren unerwartet starke Fortschritte beim
Abbau der privaten Verschuldung gemacht. Das wird sich positiv auf die
Finanzmärkte auswirken. Gehen Sie nicht davon aus, dass es 2012 zu einer
Schuldenkrise in den USA kommt.
Bis vor Kurzem sah es so aus, als sei den Amerikanern in diesem
Konjunkturaufschwung die Luft ausgegangen. Bis Herbst vorigen Jahres wuchs die
deutsche Wirtschaft, wie die Grafik zeigt, wesentlich dynamischer. Jetzt hat
sich die Lage umgedreht. Im vierten Quartal expandierte die Produktion in den
USA um 2,8 Prozent, in Deutschland ging sie um 1,2 Prozent zurück (jeweils
annualisierte Wachstumsraten nach amerikanischer Rechnung). Auch wenn die
vorläufigen Zahlen vielleicht noch korrigiert werden (vor allem in Deutschland
nach oben), ergibt sich ein signifikanter Unterschied. Was ist passiert? Und vor
allem: Wird es so bleiben?
Die Schere geht wieder auseinander
Die naheliegendste Erklärung ist natürlich die Eurokrise. Sie drückt auf die
Stimmung in Deutschland, bremst den Export und dämpft die Investitionsneigung
(vielleicht auch die Konsumbereitschaft). Hinzu kommt, dass in Europa bei den
öffentlichen Haushalten “auf Teufel komm raus” gespart wird. In den USA liegen
die Konsolidierungsbemühungen bei den öffentlichen Finanzen dagegen auf Eis.
Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. In diesen Tagen sind durch eine
interessante Studie des McKinsey Global Institute die Zahlen für die private
Verschuldung in den USA bekannt geworden. Danach ist die Verschuldung der
privaten Haushalte seit Ende 2008 um US- Dollar 580 Milliarden gesunken. Der
Anteil des Einkommens, der für Zinsen und Tilgungen ausgegeben wird, ist auf den
niedrigsten Stand seit Anfang der 90er Jahre zurückgegangen.
Das hängt nicht nur damit zusammen, dass die Amerikaner solider geworden sind,
also mehr sparen und Kredite zurückzahlen. Entscheidender ist der Unterschied im
Rechtssystem. Nach amerikanischem Recht können Hypothekenschuldner ganz einfach
die Schlüssel ihres Hauses bei der Bank abgeben und sind damit ihre
Verbindlichkeiten los. Das haben viele auch getan. Zwei Drittel des bisherigen
Schuldenrückgangs der privaten Haushalte ergaben sich auf diese Weise. Der
Prozess ist, gemessen an den laufenden Zwangsvollstreckungen, noch nicht
abgeschlossen.
Gleichzeitig ist die Verschuldung der amerikanischen Finanzwirtschaft um knapp
US- Dollar 2.000 Milliarden zurückgegangen. Sie liegt mit 40 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts jetzt unter dem Stand von Ende 2000. Auch die
Verbindlichkeiten der Unternehmen haben sich, freilich nicht ganz so krass,
verringert. Die Vereinigten Staaten sind damit die einzigen unter den großen
Industrienationen, bei denen sich die private Verschuldung seit dem Beginn der
Subprime-Krise verringert hat. In allen anderen Staaten ist sie gestiegen, auch
in Deutschland.
Damit sind die Spielräume für künftige Investitionen und Konsumausgaben in den
USA wieder gewachsen. Auch Schweden und Finnland haben Anfang der 90er Jahre bei
der Überwindung der damaligen Bankenkrise zuerst ihre private Verschuldung
reduziert. Dann ist die Wirtschaft wieder gewachsen und dann wurden die
öffentlichen Haushalte saniert.
Die USA sind aber nicht nur bei der Gesundung ihrer Bilanzen weitergekommen.
Auch in anderen Bereichen sind Fortschritte erkennbar. Die Hauspreise scheinen
sich zu stabilisieren. Die amerikanische Automobilindustrie hat sich
regeneriert. Die Liquidität, die die amerikanische Notenbank schafft, bleibt -
anders als in Europa – nicht im Bankensystem hängen, sondern kommt unmittelbar
in der Realwirtschaft an. Die Geldmengenaggregate, die in Europa mehr oder
weniger stagnieren, gehen in den USA wieder kräftig in die Höhe.
All das deutet darauf hin, dass die gute Entwicklung der letzten Monate nicht
nur ein Ausreißer ist. Natürlich wachsen auch in Amerika die Bäume nicht in den
Himmel. Der Abbau der privaten Verschuldung ist noch nicht abgeschlossen. Er
wird nach der Schätzung von McKinsey noch ca. zwei Jahre dauern. Die
öffentlichen Schulden sind nach wie vor hoch. Ihre Reduzierung ist noch gar
nicht in Angriff genommen worden. Der private Konsum wird nicht mehr so
dynamisch wachsen, weil die früheren Impulse vom Häusermarkt fehlen. Das Land
wird von der zu erwartenden Abschwächung in China und vom Fortgang der Eurokrise
betroffen sein. Es ist Wahlkampf. In solchen Zeiten geben die öffentlichen
Haushalte zwar mehr aus. Es herrscht aber viel Unsicherheit über den
langfristigen Fortgang des Landes.
Für den Anleger
Drei Schlussfolgerungen. Erstens: Die überraschend schnelle Gesundung der
amerikanischen Wirtschaft wird sich am amerikanischen Aktienmarkt auswirken. Die
Tatsache, dass die US-Märkte im bisherigen Verlauf des Jahres schlechter als
andere gelaufen sind, steht dem nicht entgegen. Es hängt im Wesentlichen damit
zusammen, dass die Entwicklung in Europa, Japan und den Schwellenländern im
letzten Jahr so viel schlechter war, dass sich hier Aufholpotenzial aufgebaut
hatte.
Zweitens: Gehen Sie nicht davon aus, dass die USA in diesem Jahr in eine größere
Staatsschuldenkrise wie die Europäer hineinlaufen. Es ist auf dem alten
Kontinent zuletzt immer beliebter geworden, zur Ablenkung von den eigenen
Problemen auf die finanzpolitischen Schwierigkeiten der USA zu verweisen (auch
ich habe das getan). Wenn in den USA die private Verschuldung zurückgeht und die
Wirtschaft wächst, lässt sich dort auch ein höheres öffentliches Defizit
verkraften.
Drittens: Der Euro wird sich unter diesen Umständen nicht so schnell erholen.
Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen:
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© 21. Dezember 2011/Martin Hüfner
Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er
war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der
HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten
Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen
Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die
Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große
Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. “Europa Die Macht
von Morgen” und “Comeback für Deutschland”.
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die
Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder
anderen Vermögenswerten.)
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