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15:56 | 30.09.2008
DJ aktiencheck.de/Hüfners Wochenkommentar: “Marktwirtschaft, Staat und Wahlen”
DJ aktiencheck.de/Hüfners Wochenkommentar: “Marktwirtschaft, Staat und Wahlen” Auf den ersten Blick scheinen die verschiedenen Ereignisse des letzten Wochenendes wenig miteinander zu tun zu haben. In den USA wurde das Rettungspaket für die amerikanischen Banken im Parlament endgültig formuliert. Es kann jetzt vom Senat und vom Repräsentantenhaus verabschiedet werden. In Europa gerieten erstmals zwei größere Privatbanken in Schwierigkeiten: in Belgien Fortis und in Deutschland die Hypo Real Estate. In Bayern wurde ein neuer Landtag gewählt und die seit vielen, vielen Jahren allein regierende CSU verlor dramatisch an Stimmen. Schließlich wurde noch in Österreich gewählt. Auch dort büßte die regierende große Koalition deutlich an Stimmen ein. All das ergab sich völlig weitgehend unabhängig voneinander. Aber könnte es sein, dass hier - gewissermaßen auf den zweiten Blick - doch Zusammenhänge bestehen? Es ist eine alte Erkenntnis, dass eine funktionsfähige Marktwirtschaft einen starken Staat braucht. Er muss dafür sorgen, dass die Regeln auf den Märkten richtig gesetzt und am Ende auch eingehalten werden. Das gilt nicht nur für die Kartellgesetze, die in diesem Zusammenhang immer erwähnt werden. Es gilt auch - wie wir in diesen Tagen schmerzlich erfahren - für die Finanzmärkte. Der Staat muss eingreifen, wenn die Selbstheilungskräfte nicht mehr funktionieren oder wenn sie zu Resultaten führen, die gesellschaftlich nicht akzeptabel sind. Die Marktwirtschaft führt zwar unter normalen Umständen zu dem besten Ergebnis bei der Allokation der Faktoren. Sie ist aber instabil. Bei Störungen eines Gleichgewichts findet sie nicht zwangsläufig - oder nicht rasch genug - wieder zu dem alten Gleichgewicht zurück. Wenn so etwas eintritt, ist der Staat gefragt. Er muss eingreifen und negative Effekte verhindern. Das Rettungspaket für die Banken in den USA ist hierfür ein Beispiel. Niemand hat sich gewünscht, dass der Staat die faulen Kredite der Banken übernimmt und sie selbst abwickelt. Es wäre viel besser gewesen, wenn die Kreditinstitute, die die Probleme selbst eingebrockt und die daran auch verdient haben, die Suppe auch selbst auslöffeln würden. Man hat das im Falle von Lehman Brothers versucht, in dem man das Haus pleite gehen ließ. Aber seitdem hat sich gezeigt, dass die Probleme einfach zu groß sind. Die Krise hat eine Eigendynamik bekommen, die die Kräfte der Banken überfordern. Hinzu kommt, dass durch die anhaltende Häuserkrise immer neuer Bedarf für Abschreibungen und Wertberichtigungen entsteht. Von den steigenden Risiken durch die Verspannung an den Geldmärkten und den konjunkturellen Abschwung ganz zu schweigen. Es war daher nicht zu vermeiden, dass der Staat am Schluss mit einem Rettungspaket eingesprungen ist. Ob und wie viel das den Steuerzahler kostet, ist schwer zu sagen. Es könnte sein, dass nach der Krise am Ende die vom Staat übernommenen Kredite mit Gewinn verkauft werden können. Den Amerikanern - und einem Finanzminister, der aus dem Hause Goldman Sachs kommt - ist hier alles zuzutrauen. Es kann freilich auch sein, dass der Steuerzahler wirklich bluten muss. Auch im Falle der in Schwierigkeiten gekommenen Hypo Real Estate in Deutschland musste der Staat eingreifen, um Schlimmeres zu verhüten. Er tat dies mit einer riesigen Bürgschaft. Niemand vermag heute zu sagen, ob das ein Einzelfall in Deutschland bleibt, oder ob in den nächsten Wochen auch hier über ein generelles Rettungspaket wie in den USA gesprochen werden muss. Auch in den USA hat es mit Einzelfall-Lösungen angefangen und das Rettungspaket wurde erst nötig, als sich die Einzelfälle häuften. Was hat das nun alles mit den Wahlen in Bayern und Österreich zu tun? Die zentrale Botschaft dieser beiden Wahlen ist, dass die jeweiligen Regierungen deutlich an Stimmen eingebüßt haben und sich das Parteiensystem aufgefächert hat. Es gibt mehr und stärkere kleinere Parteien. In Österreich hat die große Koalition aus SPÖ und ÖVP insgesamt 14 Prozentpunkte verloren. Sie könnte mit der geschmolzenen Mehrheit noch regieren. In Bayern hat die CSU allein über 17 Prozentpunkte abgeben müssen. Die Regierung muss in Zukunft eine Koalition eingehen. Für diese Ergebnisse sind sicher viele auch lokale Faktoren verantwortlich. Es ist aber ein schon seit langem zu beobachtender Trend, dass die großen etablierten Parteien an Stimmen zugunsten von kleineren, häufig interessengebunden Parteien verlieren. Das macht das Regieren schwieriger. Es wird immer komplizierter, Mehrheiten für eine Politik zu erreichen. Das schwächt den Staat. Es ist damit auch ein Problem für die Marktwirtschaft. Die Regierungen verlieren zu dem Zeitpunkt bei den Wählern an Rückhalt, zu dem die Marktwirtschaft einen starken, entschlossen handelnden Staat braucht. Das ist ernst zu nehmen. Bisher ist das glücklicherweise nur Theorie. Die Regierung hat in Deutschland in der Person des Bundesfinanzministers bei der Hypo Real Etstate schnell und beherzt eingegriffen. Sie tat dies zusammen mit der Zentralbank und der Bankenaufsicht. Das war ein Musterbeispiel für einen starken, handlungsfähigen Staat in einer Marktwirtschaft. Bayern als einzelnes Bundesland spielt hier keine große Rolle. Auch in Belgien (wo die Regierungsbildung in den letzten Jahren noch schwieriger geworden ist) hat die Regierung zusammen auch mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank schnell gehandelt. Wenn sich die Tendenzen bei den Wahlen so fortsetzen, muss man aber schon darüber nachdenken, ob hier nicht Gefahren für das System lauern. Nun kann man den Wählern natürlich nicht vorschreiben, wem sie ihre Stimme geben wollen. Was man aber ändern kann, ist das Wahlsystem. In den USA - wo die politischen Tendenzen nicht unähnlich sind - gibt es qua Verfassung immer einen starken Präsidenten, ganz gleich mit welcher Mehrheit er gewählt wurde. Auch in England schafft das Mehrheitswahlrecht die Voraussetzung für eine starke Regierung. Frankreich ist eine Mischung aus dem amerikanischen Präsidialsystem und einer parlamentarischen Regierung. Andere Länder Europas, neben Deutschland und Österreich zum Beispiel auch Italien, sind schlechter dran. Hier bedeutet eine Auffächerung des Parteiensystems eine Schwächung der Regierung und damit des Staates. Das ist aus Sicht der Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft nicht wünschenswert. Früher oder später wird man auch im Interesse stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse über eine Änderung des Wahlsystems nachdenken müssen. © 30. September 2008 / Martin Hüfner Dr. Martin Hüfner war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank in München und der Deutschen Bank in Frankfurt. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die New York Times, das Wallstreet Journal oder die Financial Times. Disclaimer Die nachfolgenden News werden Ihnen direkt von der Redaktion von boerse-frankfurt.de bereitgestellt. Die hierin enthaltenen Angaben und Mitteilungen sind ausschließlich zur Information bestimmt. Keine der hierin enthaltenen Informationen begründet ein Angebot zum Verkauf oder die Werbung von Angeboten zum Kauf eines Wertpapiers. (END) Dow Jones Newswires September 30, 2008 09:56 ET (13:56 GMT) |
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