AGENTURMELDUNGEN |
|---|
14:56 | 26.09.2008
DJ aktiencheck.de/Hüfners Wochenkommentar: “Wiederentdeckung des Kunden.”
DJ aktiencheck.de/Hüfners Wochenkommentar: “Wiederentdeckung des Kunden.” Wer längerfristig denkt, überlegt sich jetzt schon einmal, was nach der Krise kommen könnte. Zwar wird derzeit noch heftig über den Rettungsplan der amerikanischen Administration gestritten. Es gibt daneben auch noch andere Brandherde etwa im Bereich der CDS (Credit Default Swaps), die aufbrechen können. Zudem bestehen gesamtwirtschaftliche Risiken, über die ich an dieser Stelle immer wieder berichtet habe. Die Krise kann also noch nicht abgehakt werden. Aber es sieht doch so aus, als sei das unmittelbare Feuer der letzten Tage gelöscht. Was kommt nach der Krise? Eines scheint aus meiner Sicht sicher. Es wird keine Rückkehr zum Status quo ante geben. Dafür war die Krise zu groß. Auch in der bisher größten Finanzkrise 1929/32 blieb kein Stein auf dem anderen. In den USA wurde mit dem Glass Steagall Act das Commercial Banking vom Investment Banking getrennt. Es wurde den Kreditinstituten verboten, in anderen Bundesstaaten Filialen zu errichten. In Deutschland blieb die Bankenstruktur intakt, der Wettbewerb in der Finanzindustrie wurde aber fast gänzlich abgeschafft. Beide Maßnahmen - heute wissen wir, dass sie falsch waren - hielten sich für fast 70 bzw. 35 Jahre. Was ist diesmal zu erwarten? So wie sich die Lage darstellt, rechne ich mit vier wichtigen Veränderungen. Im Mittelpunkt stehen diesmal aber nicht staatliche Eingriffe, sondern Marktveränderungen. Die erste ist, dass der Finanzsektor in den Industrieländern insgesamt zurückgeschnitten wird. Er ist in den letzten Jahrzehnten weit schneller als die Volkswirtschaft gewachsen und hat sich zum Teil von der Realwirtschaft gelöst. Er hat sich von den Bedürfnissen der Kunden entfernt. In den USA erhöhte sich der Anteil des Finanzsektors am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen 60 Jahren von 2 auf knapp 8%. Der Anteil der Gewinne an den gesamten Unternehmensgewinnen stieg seit den 80er Jahren von 10 auf 40%. Der gesamte Markt der Kreditversicherungen (CDS) macht heute 62 000 Mrd Dollar aus, mehr als das Weltsozialprodukt. In Europa war vieles nicht ganz so krass. Das ist zu viel. Es muss zurückgeschnitten werden. Die Finanzbranche wird in den nächsten Jahren zu den schrumpfenden Sektoren gehören. In den einzelnen Instituten wird das Geschäft langsamer laufen. Einige Häuser werden aus dem Markt ausscheiden. Manches haben wir schon gesehen. Weiteres wird durch Konsolidierungen oder durch Bankschließungen noch kommen. Die Zahl der Beschäftigten im Bankensektor wird abnehmen. Die Gewinne werden nicht mehr so stark steigen. Der alte Spruch, dass die Banken die Stahlindustrie von morgen seien, wird sich - lang, lang hat es gedauert - bewahrheiten. Allerdings zeigt die Stahlindustrie, dass man sich auch unter veränderten Bedingungen erfolgreich einrichten kann. Das hat Konsequenzen für die Aktienmärkte: Die Kurse des Finanzsektors, der in vielen Indizes eine wichtige Rolle spielt, werden nicht mehr so dynamisch steigen. Die Stände von Anfang vorigen Jahres werden so bald nicht mehr erreicht werden. Dies auch aus logischen Gründen. Wenn ein Kurs einmal um 80% gefallen ist, dann muss er um das Fünffache steigen, um wieder das Ursprungsniveau zu erreichen. Das ist bei den niedrigeren Gewinnen kaum zu erwarten. Die zweite Veränderung: Es wird eine Renaissance des Einlagengeschäfts geben. Kundeneinlagen machen die Refinanzierung stabiler. Sie reduzieren die Abhängigkeit von den Schwankungen des Kapitalmarkts. Die alte goldene Regel des Bankgeschäfts, dass Kredite in einer Bilanz durch Einlagen refinanziert werden müssen, lebt wieder auf. Das bedeutet einen Vorteil für Regionalbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die sich schon jetzt auf Einlagen stützen. Sie waren von der Finanzkrise fast gar nicht betroffen. Umgekehrt stehen die anderen Institute auf der Verliererseite. Sie werden sich nach neuen Refinanzierungsquellen umsehen müssen. Selbst die beiden US-Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley, die jetzt zu Bank-Holdings umfirmiert haben, werden sich um Einlagen bemühen. Ich vermute, dass damit die Filialen als Kontaktpunkte zum Kunden eine ganz neue Bedeutung erhalten werden. Es geht nicht mehr darum, Filialen abzubauen. Wir werden wieder mehr Filialen bekommen. Die Kreditwirtschaft entdeckt wieder den Kunden. Die dritte Veränderung: Das Investmentbanking und damit das Kapitalmarktgeschäft werden zurückgeschnitten. Das heißt nicht, dass es kein Investmentbanking und keine Investmentbanken mehr geben wird. Natürlich brauchen Großunternehmen wie auch der Mittelstand weiterhin strukturierte Produkte, M&A-Beratung oder Absicherungen auf den Geld- und Devisenmärkten. Das Geschäft wird aber stärker auf die Kundenbedürfnisse reduziert. Eigenhandelsaktivitäten werden beschnitten. Im Wettbewerb zwischen dem angelsächsischen kapitalmarktorientierten und dem kontinentaleuropäischen bankenorientierten Modell der Finanzindustrie dreht sich das Pendel zugunsten der Europäer. Aber freuen wir uns nicht zu früh. Für Anleger bedeutet das, dass der Kapitalmarkt an Bedeutung verliert, dass die Liquidität auf den Märkten geringer wird. Damit sinken auch die Renditechancen der Anleger. Sie werden sich mit weniger zufrieden geben müssen. Die vierte Veränderung: Es gibt mehr Regulierungen, eine Erweiterung der Aufsicht und sicher mehr Kapitalunterlegung in der Finanzindustrie. Das erhöht die Stabilität der Märkte. Es bedeutet aber wiederum für viele Anleger auch weniger Gewinnchancen. Bankengewinne werden niedriger ausfallen. Die Hoch-Zeit der Hedgefonds, vermutlich auch der Private Equity Fonds ist vorüber. Der Kelch der Verstaatlichung der Banken, der früher in solchen Zeiten ins Gespräch gebracht worden wäre, ist vermutlich an uns vorbei gegangen. Zwar hat der Staat in den USA seine Eingriffe im Finanzsektor stark ausgeweitet. Dort besteht aber keine Gefahr, dass das so bleibt. Der Staat wird die Anteile und Papiere, die er jetzt übernommen hat, so bald als möglich wieder privatisieren (in der Hoffnung auf einen Gewinn für den Steuerzahler). In Deutschland, wo die Gefahr einer dauerhaften Verstaatlichung an sich größer ist, hat sich der Staat mit den öffentlich rechtlichen Banken so stark die Finger verbrannt, dass er sicher nicht an einen größeren Staatseinfluss denkt. Natürlich wird auch bei solchen grundlegenden Reformen nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird. In zwei, drei Jahren, wenn das Gröbste hoffentlich hinter uns liegt, wird manches entspannter gesehen. Gleichwohl glaube ich, dass die angesprochenen Tendenzen eine Richtung angeben könnten, in der sich die Dinge entwickeln werden. © 26. September 2008 / Martin Hüfner Dr. Martin Hüfner war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank in München und der Deutschen Bank in Frankfurt. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die New York Times, das Wallstreet Journal oder die Financial Times. Disclaimer Die nachfolgenden News werden Ihnen direkt von der Redaktion von boerse-frankfurt.de bereitgestellt. Die hierin enthaltenen Angaben und Mitteilungen sind ausschließlich zur Information bestimmt. Keine der hierin enthaltenen Informationen begründet ein Angebot zum Verkauf oder die Werbung von Angeboten zum Kauf eines Wertpapiers. (END) Dow Jones Newswires September 26, 2008 08:56 ET (12:56 GMT) |
| Weitere Meldungen |
|---|









