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13:45 | 27.11.2009
DJ fair-news.de/Zur Boot und Fun in Berlin

DJ fair-news.de/Zur Boot und Fun in Berlin


Boot ja. Aber wo bleibt der Fun? Warum der Boom-Motor stottert -
ein Marktstenogramm im Online-Magazin GT - www.gt-worldwide.com -
von Norbert Gisder 

Ein Jahrzehnt lang galt die Branche als Wachstumsmotor. 10
Prozent mehr Umsatz pro Jahr schien vielen wenig, wenn andere mit
20 Prozent prahlten. Milliardenaufträge für die Werften, die
Sportboote fürs Vergnügen der Reichen und der Superreichen
bauten, ließen gesamtwirtschaftliche Statistiken strahlen. Viele
Auftragsbücher sind immer noch voll. Doch die Zeiten haben sich
geändert. Mit Verzögerung von 10 Monaten hat die Krise zuerst
die Interboot in Friedrichshafen eingeholt. Nachdem auf der
Düsseldorfer boot im Januar 2009 noch neue Rekorde gefeiert
wurden, schlich im September durch die Messehallen am Bodensee
erste Katerstimmung: Weniger Händler, weniger Kunden - immer
noch viele interessierte Wassersportler, aber die Portemonnaies
hielten sie geschlossen. 

Bei der hanseboot in Hamburg fand dieser Trend seine
Fortsetzung: Weniger Hallen, weniger Händler, weniger
Journalisten, weniger Publikum. 

Nun macht es sich bemerkbar, dass die großen Messen, die
Marktplätze der Branche, ihre Kunden weithin nur abzocken mit
hohen und für viele unbezahlbaren Standmieten, die durch
Verkäufe der in kleinen und Kleinstserien von Hand gefertigten
Boote und Yachten nicht mehr zu erwirtschaften sind. Kundenpflege
während des gesamten Jahres? 

Imagefördernde Kampagnen auch über die Monate, in denen die
Yachten im Wasser sind und die Kunden noch nicht an die
Schauräume der Herbst-Winter-Zeit denken, finden in der
Bootsbranche kaum statt. Dafür herrscht an vielen Fronten ein
Anspruchsdenken, das der Leistungs- und vor allem der
Service-Bereitschaft diametral entgegen steht. 

Entsprechend groß der Schock, wenn die Messetore öffnen.
Berlins Boot und Fun-Projektleiter Matthias Bähr gibt zwar immer
noch den Zuversichtlichen, wenn er über ?sein? Baby, die
Berliner Bootsmesse unter dem Funkturm, spricht; Bähr erzählt
etwa, dass der Rückgang der Händlerbeteiligung an ?seiner?
Messe viel geringer als andernorts ausgefallen sei - trotz
etlicher Insolvenzen selbst bei den holländischen
Branchenkollegen. Wer aber über die Boot und Fun in Berlin
läuft, sieht viele, schmucklos dahingestellte Boote, der Fun
allerdings will sich nicht so recht einstellen. Die wenigen
Besucher ziehen neugierig aber freudlos zwischen den schmucklos
dahingestellten Spaßgeräten hindurch. Wirkliche Kaufanreize
geben ihnen nicht einmal die lustlosen und mitunter wenig
kompetenten Verkäufer in den Messehallen, die, all zu oft auch
noch unhöflich, ihr eigenes Scheitern herbeizusehnen scheinen. 

Dabei gilt nach wie vor: Die Messe als Marktplatz funktioniert,
eigentlich. Aber das, was fürs Funktionieren vonnöten wäre,
wird kaum und wenn dann oft nur halbherzig versucht. Wirklich
schön gestaltete Stände etwa, die den Spaß von Käufern
anstacheln könnten, sieht man so gut wir gar nicht. Zocker
hingegen an allen Ecken; Händler, die noch eine schnelle Mark
suchen ... 

Berlin lohnt sich nicht mehr. Dieses Fazit zieht so mancher
Händler vorschnell, ehe er wirklich versucht hat, was noch geht.
Selbst der Zweckoptimismus der Service- und Einfaltspinsel
vergangener Jahre, jener, die sich nie viel Mühe machte, aber
wolkenhoch fliegende Träume verkündeten, kehrt zurück auf die
Erde. Die Krise hat auch Berlin erreicht. 

Mit allem: Fluch und Segen. Fluch für diejenigen, die bloß
schimpfen, auf alle und jeden, auf die Messe und auf die
Konjunktur und auf die Kunden, die so geizig sind, dass es
einfach keinen Spaß mehr macht. Und wo bleibt der Segen? Er
umflort jene, die mit Einfallsreichtum auf diese Situation
reagieren, neue Produkte erfinden, neue Boote bauen und sich den
geänderten Verhaltensmustern der Wassersportler anpassen. 

Die sind nämlich immer noch da: Auch im nächsten Jahr werden
einige Millionen Enthusiasten von der Sail in Bremerhaven zur
Hanse-Sail nach Rostock und weiter nach Stettin und zu den
großen Sportveranstaltungen unter Tuch an Nord- und Ostsee, ans
Mittelmeer und in die Karibik reisen. 

Und auch Geld ist noch da. Genug. Mehr als genug, sogar, sagen
manche: Es erfordert nur neue Wege, dieses Geld zu mobilisieren.
Karsten Groll aus dem Wassersportzentrum Berlin hat das erkannt.
Er bietet mit seinen kleinen Fan-Yachts eine ganze Serie
hübscher und durchaus auch küstentauglicher Sportyachten zu
bezahlbaren Preisen an, die er auch auf der Boot und Fun mit
Erfolg zeigt. Janusz Konkol, Präsident von Yacht Service, einer
jungen Firma in Nowe Miasto Lub, dürfte der Erfolg ebenfalls
sicher sein. Mit der Konstruktion und dem Bau seiner Haber 20
folgte der Werftchef Kundenwünschen und baute ein wirklich
innovatives Schiffchen, das man motorisieren kann, aber auch als
Tretboot nutzen. Mit komfortabler Kajüte, Küche, Nasszelle und
Platz für fünf Wassersportler. Die Motorkatamarane von Technus
Schwimmsysteme aus Teterow dürften ebenfalls den Nerv des
Marktes treffen. Und Tom Sawyer Tours, eine Firma, die urige
Zelt-Katamarane auf der Feldberger Seenlandschaft wassert und
mittlerweile auch nach ganz Deutschland liefert, tut für die
Lust am Sport sicher mehr als mancher Messechef, der eben leider
an Image-Kampagnen spart - und dann, zur Messezeit,
geflissentlich klagt, der Markt breche halt weg, da könne man
nichts machen. 

Doch, sagt GT, man kann. Man muss nur neue Wege versuchen. Wir
werden einige aufzeigen und andere in ihrer Entwicklung, die ins
unweigerliche Scheitern führt, beobachten - auf dass jeder, der
mitmacht, daraus lernen kann. 

Dass wir das können, wir Reporter, die wir den Markt seit mehr
als 30 Jahren und in mehr als 100 Ländern beobachten, haben uns
auch auf der Boot und Fun wieder Händler und Kunden bestätigt,
die regelmäßig mit uns brainstormen. ?Es war Ihre Idee, das
Boot so zu bauen, und so haben wir auch in Berlin allein in den
ersten beiden Tagen schon vier Stück verkauft?, sagte uns
freudestrahlend einer, dessen Produkte wir regelmäßig testen
und mit unseren Tipps und Ideen auch schon verbessert haben. 

Weniger Lernfähige maulen weiter herum. Wir können uns heute
schon von ihnen verabschieden, denn obwohl noch da, haben sie
sich eigentlich vom Markt schon entfernt. 2010 werden wir ihnen
nicht mehr begegnen. Schade eigentlich. Ihr Untergang wäre
vermeidbar gewesen. 

GT Norbert Gisder 11-2009 

Der Autor beobachtet seit 35 Jahren die Bootsbranche und die
ausstellenden Messen zwischen Atlantic City, USA und Seoul,
Korea; er bildet selbst Skipper aus und fort, ist
Fregattenkapitän der Reserve in der Deutschen Marine und hat auf
eigenem Kiel die Meere der Erde bereist. Norbert Gisder ist
Chefredakteur dieses Magazins. 

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