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19:11 | 19.03.2011
ERDBEBEN/ROUNDUP: Atomkonzerne warnen vor Gefahren für Stromnetz

DÜSSELDORF/ESSEN (dpa-AFX) – Nach der Abschaltung der deutschen
Alt-Atomkraftwerke hat der Streit um die Folgen begonnen. Während Experten vor
höheren Strompreisen warnen, sehen die Atomkonzerne sogar die Stabilität des
Netzes bedroht. Eon-Chef Johannes Teyssen sagte dem
Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”, es werde schon jetzt äußerst schwer, das
Stromnetz stabil zu halten. Weitreichendere Maßnahmen wie der teils geforderte
komplette Ausstieg aus der Atomkraft seien “überhaupt nicht zu verkraften”.

Eon-Chef Teyssen begründete seine drastische Warnung mit dem ungenügenden
Ausbauzustand des Stromnetzes. Es fehle an Leitungen vom Norden, wo Windstrom
produziert wird, in den Süden, wo durch die Abschaltung Kapazitäten wegfielen.
“Dies kann zu massiven Problemen bis hin zu Stromausfällen führen.” Darauf habe
man auch das Bundeswirtschaftsministerium hingewiesen, sagte der Eon-Manager.

Die jährlichen Kraftwerksrevisionen fänden wegen des geringeren Strombedarfs
naturgemäß in den Sommermonaten statt, sagte RWE-Sprecher Volker Heck.
Diese turnusmäßigen Abschaltungen kämen in den kommenden Monaten zu den
Abschaltungen der älteren Kraftwerke dazu. “Da wird es für das Netz in den
kommenden Wochen und Monaten erhebliche Herausforderungen geben”, sagte Heck.
“Die Sicherheitsreserven werden mit der Entscheidung drastisch kleiner.”

Der Betreiber des früheren Eon-Netzes, Tennet, hat in einem Brief an
Kraftwerksbetreiber bereits gefordert, Kraftwerksrevisionen bei Bedarf zu
verschieben, um das Netz nicht zu gefährden. Wie die “Frankfurter Allgemeine
Zeitung” (Samstag) berichtet, hat Teyssen das aber strikt abgelehnt. Auch die
Abschaltung von Windparks in nachfrageschwachen Zeiten ist nach dem Bericht in
der Diskussion.

Der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, riet den Verbrauchern, sich
auf “spürbar höhere Strompreise” einzustellen. “Die Terminkurse an der Leipziger
Strombörse sind bereits deutlich gestiegen”, sagte der Wirtschaftsexperte der
“Rheinischen Post” (Samstag). Die Börse reagiere damit auf die energiepolitische
Kehrtwende der Bundesregierung. Franz riet der Bundesregierung trotzdem, an der
Abschaltung der Atomkraftwerke und dem Übergang zu erneuerbaren Energien
festzuhalten.

Laut “Spiegel” könnte sich die Lage ab Ende März verschärfen. Dann gehe mit
dem bayerischen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld ein achter Atommeiler vom Netz. In
dem Eon-Atomkraftwerk war bereits vor Monaten ein möglicher Riss in einer
Kühlleitung im Reaktorkern diagnostiziert worden. Nun soll das entsprechende
Teil während einer mehrwöchigen Revision des Reaktors ausgetauscht werden.

Am Freitag waren die alten Atommeiler in Deutschland vom Netz genommen
worden. Sie sollen angesichts der Katastrophe von Japan einer zusätzlichen
Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Der Essener Energiekonzern RWE
versicherte am Samstag, die zusätzlichen Checks “aktiv unterstützen” zu wollen.
Es sei wichtig, zu prüfen, ob sich aus den Erkenntnissen in Japan weitere
Hinweise für Verbesserungen des “sehr hohen Sicherheitsniveaus der eigenen
Anlagen ergeben”, hieß es in einer RWE-Erklärung.

Allerdings entsprächen die Anlagen den Anforderungen des strengen deutschen
Regelwerks. Allein in die Modernisierung der beiden Blöcke des Kraftwerks Biblis
in Hessen seien in den vergangenen Jahren 1,4 Milliarden Euro investiert worden.

Teyssen verteidigte trotz der aktuellen Diskussion die von der
schwarz-gelben Bundesregierung beschlossene Verlängerung der Laufzeiten für
Atomkraftwerke. Die Branche werde hart daran arbeiten, das Vertrauen der
Menschen in die Kernenergie neu zu gewinnen, sagte er dem Nachrichtenmagazin
“Focus”. “Dabei schließe ich mögliche höhere Sicherheitsanforderungen
ausdrücklich ein”, sagte der Eon-Chef./rs/DP/zb


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