19:50 | 08.12.2011
GESAMT-ROUNDUP: Bei Europas Banken klafft ein Loch von fast 115 Milliarden
LONDON/FRANKFURT (dpa-AFX) – Die ganze Dramatik der europäischen
Schuldenkrise offenbart sich in den Büchern der Banken: 31 von 65 der größten
Banken in Europa (ohne Griechenland) brauchen dringend frisches Kapital. Der
verschärfte Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht EBA ergab, dass fast 115
Milliarden Euro fehlen. Allein die sechs deutschen Institute Deutsche Bank
, Commerzbank , DZ Bank, Helaba, WestLB und NordLB brauchen
13,1 Milliarden Euro Kapital, um sich für Krisenzeiten zu wappnen.
Den größten Bedarf hat mit 5,3 Milliarden Euro wie erwartet die stark in den
Euro-Schuldenländern engagierte Commerzbank. Wie die Institute die Lücken
schließen wollen, sollen sie bis zum 20. Januar bei den nationalen
Aufsichtsbehörden erklären. Bis Ende Juni haben sie dann Zeit, diese Pläne
umzusetzen. Können sie die Kapitalpuffer nicht aus eigener Kraft verstärken,
drohen notfalls Staatshilfen.
COMMERZBANK WILL STAATSHILFE WEITER VERMEIDEN
Der Deutschen Bank fehlen 3,2 Milliarden Euro, um eine harte
Kernkapitalquote von neun Prozent zu erreichen. Diesen Wert müssen die
europäischen Institute nach Vorgabe der EBA bis Ende Juni 2012 erreichen.
Kapitalbedarf haben auch die genossenschaftliche DZ Bank (353 Mio Euro) sowie
die Landesbanken Helaba (1,5 Mrd Euro), NordLB (2,5 Mrd Euro) und WestLB (224
Mio Euro). Die WestLB stand nur noch pro forma auf der Liste der 13 deutschen
Banken. Die Zerschlagung des Düsseldorfer Instituts ist längst beschlossene
Sache.
Zuletzt hatten sich die deutschen Institute optimistisch gezeigt, die Lücken
aus eigener Kraft schließen zu können. Auch die bereits teilverstaatlichte
Commerzbank will neuerliche Hilfen des Bundes unbedingt vermeiden. Sie will
Bilanzrisiken um 30 Milliarden Euro herunterschrauben, Randgeschäfte verkaufen
und Gewinne einbehalten. Zudem dürfen einzelne Geschäftsfelder derzeit keine
Kredite mehr vergeben. Ein Rückkauf von Hybridanleihen läuft bei der Commerzbank
bereits.
DEUTSCHE BANKEN LEIDEN BESONDERS UNTER SCHÄRFEREN KRITIERIEN
Ursprünglich waren Europas Aufseher von 5,2 Milliarden Euro Kapitalbedarf
für Deutschlands Banken ausgegangen. Nachdem die EBA die Kriterien verschärft
hatte, war in Finanzkreisen zuletzt ein Wert von rund 10 Milliarden Euro
gehandelt worden. Bundesbank und Bafin stellten klar: Dass die Summe höher
ausfiel als zunächst erwartet, sei vor allem “einer sehr harten
Kernkapitaldefinition” geschuldet.
Die EBA ließ letztlich die zumeist schlechten Geschäftsergebnisse aus dem
dritten Quartal einfließen, setzte strengere Maßstäbe für Risikoanlagen an und
schränkte die Verrechnung von Gewinnen und Verlusten bei Staatsanleihen ein. Die
härteren Vorgaben bekamen besonders die deutschen Geldhäuser zu spüren.
Europaweit erhöhte sich der Kapitalbedarf im Vergleich zu den ursprünglichen
Annahmen nur um rund 8 Milliarden auf 114,7 Milliarden Euro.
SANTANDER MIT GRÖßTER LÜCKE
Bundesbank und Bafin erklärten, teilweise sei der Kapitalbedarf der
deutschen Institute bereits gedeckt: So haben die Träger der Landesbank
Hessen-Thüringen (Helaba) und der NordLB längst Maßnahmen zur Kapitalstärkung
beschlossen. Diese werden erst Ende 2011 wirksam – und wurden von der EBA wegen
des Stichtags 30. September nicht anerkannt.
Besonders hohen Kapitalbedarf haben Banken in europäischen Krisenländern wie
Spanien mit 26,2 Milliarden Euro und Italien mit 15,4 Milliarden Euro. Die
größte Lücke aller untersuchten Banken weist laut EBA-Liste die spanische Bank
Santander mit 15,302 Milliarden Euro auf. Die wegen ihres hohen
Griechenland-Engagements an den Märkten zuletzt unter Druck stehenden
französischen Geldhäuser kamen dagegen vergleichsweise gut weg – ihnen fehlen
lediglich 7,3 Milliarden Euro.
Bei der italienischen Großbank Unicredit fehlen knapp 8
Milliarden Euro. Sie hat bislang als einzige eine Kapitalerhöhung angekündigt.
Diese soll 7,5 Milliarden Euro Anfang kommenden Jahres einbringen. Das wird der
Test sein, ob Banken angesichts der Schuldenkrise am Markt Geld einsammeln
können.
BANKEN WOLLEN NICHT BEI KREDITEN SPAREN
EBA-Chef Andrea Enria und Polens Finanzminister Jan Vincent-Rostowski – das
Land hat derzeit die Ratspräsidentschaft – versicherten in einer gemeinsamen
Erklärung in Brüssel, die Banken dürften zum Aufbau von Kapitalpuffern nicht an
Krediten für Unternehmen sparen. “Die nationalen Aufsichtsbehörden und die EBA
werden sicherstellen, dass die Aktionen zur Erfüllung der Auflagen nicht zu
bedeutenden Einschränkungen der Kreditvergabe an die Realwirtschaft führen
werden.”
Mit dem beim EU-Gipfel Ende Oktober beschlossenen Test wollte die Politik
Vertrauen der Märkte in die Stabilität der Banken zurückgewinnen. Kritiker
bezweifeln, dass das angesichts des Hick-Hacks um die Maßstäbe und der immer
wieder verschobenen Veröffentlichung der Ergebnisse gelingen wird.
ZIEL VERFEHLT?
“Der Stresstest hat sein vorrangiges Ziel, Vertrauen in den Märkten zu
schaffen, nicht erfüllt”, befand der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes
Öffentlicher Banken (VÖB), Hans Reckers. Michael Kemmer vom Privatbankenverband
BdB sprach von einem “chaotisch wirkenden Prozess”. Die Märkte seien durch die
EBA hochgradig verunsichert worden./ben/enl/ahz/enl
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