19:22 | 23.09.2011
GESAMT-ROUNDUP/G20: Notfalls neues Geld für Banken – Druck auf Athen steigt
WASHINGTON/ATHEN/BRÜSSEL (dpa-AFX) – Im Kampf gegen eine dramatische
Eskalation der Finanzkrise wollen die 20 führenden Industrie- und
Schwellenländer den Banken im Notfall mit ausreichend Geld zur Seite stehen.
“Wir unternehmen starke Aktionen, um die Finanzstabilität zu erhalten, Vertrauen
wiederherzustellen und das Wachstum zu unterstützen”, erklärten die G20 am
Freitag in Washington nach einem Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs.
Notwendig sei ein Aktionsplan, bei dem jeder seinen Anteil übernehme.
Weiterhin offen ist eine dauerhafte Lösung für die Griechenland-Krise.
Während der Athener Finanzminister Evangelos Venizelos erstmals über eine harte
Umschuldung des Euro-Sorgenkinds spekuliert haben soll, schließt der
niederländische Notenbankchef Klaas Knot sogar eine Pleite Griechenlands nicht
mehr aus.
SCHÄUBLE DEUTET ÄNDERUNGEN AM ZWEITEN RETTUNGSPAKET FÜR GRIECHENLAND AN
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) deutete wiederum Änderungen am
zweiten Rettungspaket für die Hellenen an. Jetzt gehe es zwar zunächst um die
sechste Hilfstranche für Athen aus dem laufenden Rettungsprogramm. Es müsse dann
jedoch geprüft werden, ob das am 21. Juli von den Euro-Staats- und
Regierungschefs geschnürte zweite Hilfspaket “im Lichte der neueren Entwicklung
tragfähig ist oder nicht”, sagte Schäuble in Washington.
Schäuble mahnte Athen erneut, die Zusagen für die Finanzhilfen einzuhalten.
“Die eingegangenen Verpflichtungen und Vereinbarungen müssen umgesetzt werden”,
betonte der CDU-Politiker. Er warnte zugleich vor Debatten über weitergehende
Maßnahmen. “Es macht gar keinen Sinn, über die nächsten Schritte zu
spekulieren.”
WEIDMANN: ‘DIE LAGE IST DERZEIT DEUTLICH BESSER ALS DIE STIMMUNG’
“Wir in Europa sind auf einem grundsätzlich richtigen Weg, wir in
Deutschland allemal”, sagte der Finanzminister. In der G20 sei die vereinbarte
Stärkung des Euro-Rettungsfonds EFSF begrüßt worden. Alle Euro-Länder wollten
dies spätestens bis zur zweiten Oktoberwoche erreichen. Der Bundestag stimmt
nächste Woche über die Ausweitung des EFSF ab. Eine Mehrheit gilt als sicher.
Bundesbank-Chef Jens Weidmann sagte: “Es gibt Risiken, dass die Turbulenzen
an den Finanzmärkten auch langsam übergreifen auf die realwirtschaftliche Lage.”
Eine erneute Rezession sei aber unwahrscheinlich: “Die Lage ist derzeit deutlich
besser als die Stimmung.”
JAHRESTAGUNG DES INTERNATIONALEN WÄHRUNGSFONDS (IWF)
Die Finanzminister und Notenbankchefs der G20 kamen vor der Jahrestagung des
Internationalen Währungsfonds (IWF) am Wochenende zu Beratungen in Washington
zusammen. Zu den G20 gehören neben den wichtigsten westlichen Industrienationen
auch aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China, Indien und Brasilien.
Angesichts der Schuldenkrise in Europa und den USA gerieten zuletzt Banken
auf beiden Seiten des Atlantiks immer stärker unter Druck. In Europa waren vor
allem französische Banken, die in mehreren Krisenländern engagiert sind, sowie
italienische und griechische Institute betroffen. Mit Blick auf die wachsenden
Spannungen betonten die G20, dass sie alle notwendigen Maßnahmen unternehmen
werden, “um die Stabilität des Bankensystems und der Finanzmärkte zu bewahren”.
Die Länder stellten sicher, dass die Banken angemessen kapitalisiert sind. Die
Notenbanken wiederum stünden weiterhin bereit, Liquidität zur Verfügung zu
stellen.
EU-KOMMISSION SIEHT KEINE NOTWENDIGKEIT FÜR VORGEZOGENE FINANZSPRITZEN AN BANKEN
Die EU-Kommission sieht indes keine Notwendigkeit für vorgezogene
Finanzspritzen an Europas Banken. Ein Kommissionssprecher dementierte am Freitag
in Brüssel Medienberichte, wonach Europas Bankenaufseher die beim letzten
Bankenstresstest fast durchgefallenen Institute rascher mit frischem Geld
versorgen wollen als bislang vorgesehen. “Der Fahrplan bleibt gültig, es gibt
keine Beschleunigung des vorgesehenen Kalenders”, sagte der Sprecher.
Der Athener Finanzminister Venizelos hatte am Vortag vor Abgeordneten seiner
Partei die verschiedenen Szenarien für Griechenland erörtert. Eins davon sei der
Verbleib des Landes im Euroland mit einem Schuldenschnitt von 50 Prozent,
berichteten griechische Medien. Venizelos’ Büro reagierte darauf mit der
Bemerkung: “Alle diese Diskussionen, die Gerüchte, die Kommentare und Szenarien
lenken ab vom zentralen Ziel.” Dies sei die Fortsetzung des Sparkurses.
KNOT: STAATSPLEITE GRIECHENLANDS ‘EINES DER SZENARIEN’
Der niederländische Notenbankchef Knot sagte der Wirtschaftszeitung “Het
Financieele Dagblad”, auch eine Staatspleite Athens sei “eines der Szenarien”.
Knot ist Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB). “Ich sage nicht, dass
Griechenland nicht bankrott gehen kann”, zitierte das Blatt Knot. Die offizielle
Linie europäischer Entscheidungsträger lautete bislang, dass eine
Zahlungsunfähigkeit Griechenlands nicht zur Debatte stehe.
An den Börsen ging eine miese Handelswoche – der Dax und der
EuroStoxx 50 verloren insgesamt mehr als sechs Prozent – glimpflich
zu Ende: Der deutsche Leitindex fuhr ein kleines Plus von 0,63 Prozent auf
5.196,56 Punkte ein, nachdem er im Handelsverlauf zeitweise noch unter die Marke
von 5.000 Punkten gesackt war. Dass es im späten Handel mit den Kursen nach oben
ging, führte ein Börsianer auf Gerüchte um ein neues Rettungsprogramm für die
französischen Banken zurück. Ungeachtet dessen beschrieben Marktteilnehmer die
Grundstimmung weiter als nervös./jsl/bbi/fb/mt/tt/bur/sl/he
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