12:45 | 14.11.2008
HINTERGRUND: Am Golf sind fette Jahre vorbei – Vorteil für islamische Banken
DUBAI (dpa-AFX) – In der westlichen Welt spricht man vom Gürtel, der in
Krisenzeiten enger geschnallt werden muss. Auf die Investoren, Fondsmanager und
Firmeninhaber der arabischen Golfstaaten traf dies bisher nicht zu. Denn zum
einen trägt man in Riad, Dubai, Doha und Manama zum traditionellen Männergewand
nie Gürtel. Und zweitens haben diese Staaten – im Gegensatz zum Iran und Irak -
trotz sinkender Ölpreise und Hiobsbotschaften von den Börsen immer noch ein
Finanzpolster. Dennoch zeigt sich: Die fetten Jahre, in denen sich die
Golfstaaten gigantische Infrastrukturprojekte und eine weitgehende unproduktive
Erwerbsbevölkerung leisten konnten, neigen sich dem Ende zu.
Vor allem in der Immobilienbranche, wo die Preise, Gewinne und Kurse in den
vergangenen zwei Jahren astronomische Höhen erreicht hatten, setzt Ernüchterung
ein. In Dubai hat Damac, die größte private Immobilienentwicklungsgesellschaft
des Emirats, den Abbau von 200 Arbeitsplätzen angekündigt. Der Aktienkurs des
Immobilienkonzerns Emaar Properties – der derzeit unter anderem das höchste Haus
der Welt (Burj Dubai) baut – fiel diese Woche so tief wie seit vier Jahren nicht
mehr. An den Börsen ist man nervös: In Kuwait wurde der Handelsplatz am
Donnerstag per Gerichtsbeschluss geschlossen, um den Sinkflug der Kurse zu
stoppen. Wann der Handel wieder beginnen soll, ist noch unklar, möglicherweise
an diesem Sonntag oder Montag.
BANKEN VON KRISE NOCH NICHT BETROFFEN
Die islamischen Banken sind von den Turbulenzen an den globalen
Finanzmärkten dagegen bisher weitgehend verschont geblieben. Denn im Gegensatz
zu anderen Instituten investieren diese Banken, die sich am islamischen Recht
(”Scharia”) orientieren, nur in die “reale Wirtschaft”. Derivate und andere
spekulative Anlageformen sind tabu. Von den riskanten Immobilienkrediten in den
USA waren die islamischen Banken, die vor allem in Malaysia, Saudi-Arabien,
Dubai, Kuwait und Bahrain gute Geschäfte machen, nicht betroffen. In den ersten
neun Monaten dieses Jahres konnten mehrere dieser Institute deshalb sogar
zweistellige Gewinnsteigerungen verzeichnen.
Die Tochtergesellschaft “Al-Islami” der Katar Nationalbank (QNB) verkündete
sogar eine Steigerung des Nettogewinns um 148 Prozent auf rund 151 Millionen
katarische Rial (rund 32,7 Mio Euro). Allerdings werden auch die islamischen
Banken betroffen sein, wenn die Finanzkrise auf die Realwirtschaft übergreift
und auch die Industrie, das Baugewerbe und den Dienstleistungssektor erfasst.
GEGENSTEUERN
Allgemein wird deshalb ein Gegensteuern der Staaten verlangt. Ein
Kommentator der arabischen Tageszeitung “Al-Sharq Al-Awsat” erklärte, die Krise
sei ein Weckruf für die arabischen Volkswirtschaften. Er rief die Herrscher am
Golf auf, den Sturzflug des Preises für OPEC-Öl – der im Juli über 140 Dollar
pro Barrel erreicht hatte und nun unter 50 Dollar liegt – nicht als Krise,
sondern als Chance für einen Neuanfang zu begreifen. Sein Argument: Der
niedrigere Ölpreis werde die Golfstaaten zwingen, endlich auch in ihr
“Humankapital” zu investieren, was wegen des langfristig zu erwartenden
Versiegens der Ölquellen ohnehin notwendig sei. Mit anderen Worten: Die
Golfaraber sollten von passiven Investoren zu Forschern und Produzenten werden.
Das Beispiel des staatlichen Beschäftigungsprogrammes von Saudi- Arabien,
das ausländische Unternehmen verpflichtet, eine Mindestzahl von Einheimischen zu
beschäftigen, zeigt aber, dass die Erhöhung der Produktivität mitunter nicht
einfach ist. “Viele der Saudis, die wir anstellen mussten, erscheinen kaum oder
gar nicht zur Arbeit, wir müssen sie aber weiter bezahlen”, klagt der Manager
eines deutschen Konzerns./ir/gö/DP/edh
— Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa —
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