7:44 | 11.07.2008
HINTERGRUND: Tanken an der Steckdose – Autobauer im Wettrennen um Elektroauto
FRANKFURT/HANNOVER (dpa-AFX) – Sein Auto an der Steckdose auftanken – das
galt lange als Traum von Tüftlern. Doch dies könnte sich schneller ändern als
gedacht. Rekord-Spritpreise und schrumpfende Ölvorräte drängen die Autobauer zu
umweltfreundlichen Antrieben. Viele Hersteller sehen im Elektrofahrzeug das Auto
von morgen. Die deutschen Autobauer liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer
das erste serienreife Modell auf den Markt bringen kann. Doch sie müssen den
Vorsprung von Konkurrenten aufholen und noch viele Probleme lösen. Sorgen
bereiten das große Gewicht und die geringe Reichweite der Batterie. Und – das
Auto muss erschwinglich bleiben.
Für Aufsehen sorgte vor kurzem eine Prognose des Autoexperten Ferdinand
Dudenhöffer von der FH Gelsenkirchen: Von 2015 an würden Elektro- und
Hybridautos zu einem Massenphänomen. “Das ist eine Umwälzung, die hatten wir in
den letzten 50 Jahren nicht. Das Auto wird leichter und billiger, der Motor
fährt abgasarm.” Ab 2025 würden alle neu zugelassenen Autos in Europa mit
Hybrid-Antrieben – eine Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor – laufen.
Das wäre ein rasanter Siegeszug: Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren im ersten
Halbjahr 2008 nur 0,2 Prozent aller Neuwagen Hybrid-Fahrzeuge. Toyota
hatte 1997 das erste Auto mit Hybrid-Antrieb auf den Markt gebracht.
Andere Branchenexperten rechnen dagegen damit, dass Verbrennungsmotoren in den
nächsten 20 Jahren dominant bleiben.
OPEL WILL 2011 ELEKTROAUTO ANBIETEN
Die deutschen Autobauer haben lange vor allem auf Effizienzverbesserungen
bei Benzinern sowie einen sauberen Diesel gesetzt. Jetzt heißt das Zauberwort
“Elektroauto”. “Die Zukunft, das ist sicher, wird den emissionsfreien
Elektromotoren gehören – betankt an der Steckdose”, sagte VW-Chef Martin
Winterkorn. Auch VW werde ein Elektroauto entwickeln. BMW
entscheidet noch in diesem Jahr über den Bau eines Elektroautos. Derzeit
bereiten die Münchner eine Versuchsreihe mit mehreren hundert stromgetriebenen
Autos der Konzern-Marke MINI vor.
Opel-Chef Hans Demant kündigte für 2011 bereits einen Opel mit
Elektroantrieb an und verweist auf den Chevy Volt der Konzern-Mutter General
Motors (GM) , der ab 2010 für 30.000 Dollar verkauft werden
soll. Daimler will die A-Klasse und den Kleinwagen smart 2010 als
Elektrofahrzeug in Serie auf den Markt bringen. Die Batterie soll der
US-Elektroautobauer Tesla Motors liefern, der einen Elektro- Sportwagen ab
Herbst 2009 auch in Europa zum stolzen Preis von knapp 100.000 Euro anbieten
will.
EINIGE EXPERTEN DÄMPFEN EUPHORIE
Die hohen Kosten für Elektroautos liegen vor allem an den teuren Batterien.
Derzeit kostet das Batteriepack rund 15.000 bis 20.000 Euro. Den Durchbruch zur
Produktion von kostengünstigen und leistungsfähigen Lithium-Ionen-Batterien mit
einem Preis von 1.500 bis 2.000 Euro erwartet Dudenhöffer um das Jahr 2015.
“Dann sind wir so weit, dass ein Elektrofahrzeug oder ein Hybrid-Fahrzeug so
teuer ist wie jetzt ein Diesel oder ein Benziner.”
Andere Experten warnen allerdings vor zu großer Euphorie. “Wir möchten die
Erwartungen dämpfen”, sagt der Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland, Daniel
Kluge. Es gebe noch große Probleme bei Infrastruktur und Technologie.
Greenpeace-Experte Wolfgang Lohbeck spricht gar von einem “Elektro-Hype”. Die
Autoindustrie könne bereits heute auf der Basis der herkömmlichen
Antriebstechnologie sparsamere, kleinere und innovative Autos bauen. “Das
passiert aber nicht. Die Autoindustrie fürchtet wie der Teufel das Weihwasser,
dass ihr Image als Premium-Hersteller leidet.”
VIELE PROBLEME
Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren erfolglose Vorstöße für
Elektrowagen. “Die Frage ist, wer diese Autos kauft und ob sie rentable
Stückzahlen erreichen”, sagt Michael Bargende, Leiter des FKFS
Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren in Stuttgart. “Der
Aufpreis für ein Elektroauto liegt bei mindestens 50 Prozent.” Dabei sind
Neuwagen wegen besserer Ausstattung immer teurer geworden und kosten im Schnitt
rund 26.000 Euro, was als ein Grund für die Stagnation im deutschen Automarkt
gilt. Die kostspielige Entwicklung wird die Hersteller auch zu neuen
Kooperationen zwingen.
Die Hersteller stehen vor vielen Problemen. Die Lithium-Ionen- Batterie, die
auch aus Handy-Akkus bekannt ist, darf bei einem Unfall nicht explodieren und
muss mindestens zehn Jahre halten, damit sich die Technik lohnt. “Das Thema
Batterie hat noch kein Hersteller richtig gelöst”, sagt Prof. Willi Diez, Leiter
des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. “Ihre Haltbarkeit ist
begrenzt und ihre Reichweite liegt bei 100 Kilometern. Das Elektroauto ist daher
nur für die Kurzstrecke eine Alternative.” Tesla Motors reklamiert für seinen
Sportwagen allerdings je nach Fahrstil eine Reichweite zwischen 274 und 430
Kilometern. Die hohe Batterie-Kapazität hat aber ihren Preis: Der Kofferraum des
Elektro-Flitzers bietet gerade einmal Platz für eine Golftasche./hoe/mt/DP/zb
— Von Andreas Hoenig und Marion Trimborn, dpa —
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