20:57 | 28.11.2008
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Börsen-Zeitung: Die gute alte Zeit, Kommentar zum Ölpreis von Frank
Bremser
Frankfurt (ots) – Erinnert sich noch jemand? Gerade einmal ein
knappes halbes Jahr ist sie her, die gute alte Zeit der Ölbullen. Die
Zeit, als ein Fass der US-Leichtölsorte West Texas Intermediate WTI
147 Dollar kostete, den höchsten jemals gezahlten Preis für das
schwarze Gold. Diese Zeit scheint vergessen, inzwischen dümpelt der
Preis bei gut 54 Dollar, vor Wochenfrist fiel die Notierung gar unter
50 Dollar – und dies obwohl Experten vor nicht allzu langer Zeit
davon sprachen, dass die Notierung allein aus fundamentalen Gründen
gar nicht mehr unter die Spanne von 60 bis 70 Dollar rutschen könne.
Denn dies ist der Bereich, ab dem viele wichtige Ölfelder erst
rentabel sind – namentlich die kanadischen Ölsande.
Doch unter diesen Prohibitivpreis ist Öl gefallen, und nun
verbrennen die kanadischen Ölsandkonzerne jeden Tag munter Geld. Und
auch der als großer Hoffnungsträger gefeierte Riesenfund Carioca vor
der Küste Brasiliens ist beim derzeitigen Preisniveau in der
Erschließung nicht realisierbar.
Wer braucht noch Öl?
Hintergrund für den Preisverfall ist die Aussicht auf eine
Rezession – eine Rezession, wie sie die Welt seit dem Zweiten
Weltkrieg nicht gesehen hat. Denn wenn weltweit die Wirtschaft den
Bach runtergeht, wer braucht dann noch Erdöl?
Doch diese Argumentation greift zu kurz: Zwar haben eine Reihe von
Experten ihre Ölpreisprognosen deutlich nach unten geschraubt, aber
nur auf kurze Sicht, in der längeren Perspektive – etwa einem
Horizont von zwölf Monaten – lauten die Prognosen unverändert hoch.
Ob die Hoffnung auf eine weltweite Erholung ab dem zweiten Halbjahr
2009 wirklich gerechtfertigt ist, sei einmal dahingestellt.
Fundamental gesehen spricht einiges dafür, dass der aktuelle Einbruch
der Preise nur eine kurze Episode der weltweiten Finanzgeschichte
sein wird. Denn trotz einer weltweiten Konjunkturflaute steuert die
Welt auf eine Ölkrise zu, die – so paradox es klingen mag – durch die
aktuelle Finanzkrise noch verstärkt werden könnte. Denn grundsätzlich
hat sich an der Situation an den Rohstoffmärkten trotz Lehman-Pleite
oder Citigroup-Schieflage nicht viel verändert. Sicherlich wird die
Nachfrage in den kommenden Monaten und vielleicht auch Jahren
gedämpft sein, aber dennoch bleibt eine Aussage bestehen: Die
weltweiten Erdölvorräte gehen zur Neige, und die Förderung bekannter
Reserven wird teurer. Und schon vor der Kernschmelze im Finanzsystem
zeichnete sich ein Angebotsengpass ab, nicht zuletzt auch deshalb,
weil jahrelang dringend notwendige Investitionen in Fördertechnik und
Erschließung ausgeblieben sind. Wie sollte man den Ölkonzernen auch
einen Vorwurf daraus machen? Bei Preisen von 20 Dollar je Barrel
lohnt sich nur bei wenigen Feldern die Erschließung. Doch durch die
Finanzkrise, die Rezessionsaussichten und den daraus resultierenden
Einbruch beim Ölpreis werden diese Investitionen vielerorts ein
weiteres Mal zurückgestellt, mit langfristig fatalen Folgen. Denn
auch wenn die Wirtschaft noch lange Zeit für eine Erholung von dem
Finanzschock braucht, wird sich an dem grundlegenden Bild nichts
ändern: Die Ölnachfrage wird steigen. Das hat auch unlängst die
Internationale Energieagentur erkannt und einen radikalen Umschwung
in der weltweiten Energiepolitik gefordert: Das Zeitalter der
Kohlenwasserstoffe neigt sich seinem Ende entgegen. Die Rohstoffe
sind endlich, und die Suche nach alternativen Energiequellen wird
immer dringender – vor allem auch aus Klimaschutz gründen.
Meinungsänderung
Doch solche Langfristszenarien kümmern die Marktteilnehmer derzeit
eher wenig. Aktuell ist die Rezession das große Thema und wird es
auch noch eine ganze Weile bleiben. Doch auch auf kurze Sicht wird
der Ölpreis nicht auf dem derzeit niedrigen Stand verharren können.
Zum einen werden die spekulativen Kräfte, die derzeit sehr deutlich
in Richtung fallender Preise positioniert sind, auch wieder ihre
Meinung ändern. Zum anderen werden die Marktteilnehmer auf absehbare
Zeit wieder auf fundamentale Nachrichten achten. Denn Meldungen wie
geringer steigende Öllagerbestände in den USA oder Förderkürzungen
der Opec werden derzeit schlichtweg ignoriert. In der guten alten
Zeit war das Gegenteil der Fall, und diese Zeit wird bald
wiederkommen.
Originaltext: Börsen-Zeitung
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