14:03 | 20.05.2009
ROUNDUP: Telekom soll auch Bewerber ausgespäht haben
Bonn (dpa-AFX) – Die Bespitzelungsaffäre bei der Deutsche Telekom
zieht immer weitere Kreise: Der Bonner Konzern soll neben dem Ausspähen von
Aufsichtsräten und Journalisten auch das Privatleben potenzieller Mitarbeiter
durchleuchtet haben. Das berichtete das “Handelsblatt” am Mittwoch unter
Berufung auf vorliegende Akten. Im Ausland seien etwa über eine Detektei auch
Informationen über das Intimleben von “Zielpersonen” gesammelt worden.
Vor einigen Tagen hatte die Bonner Staatsanwaltschaft, die in der
Bespitzelungsaffäre seit einem Jahr ermittelt, die Ermittlungsakten an die
Verteidiger der Beschuldigten ausgehändigt. Dabei geht es im Kern um das
illegale Aufspüren von internen Informationslecks. Unter den Beschuldigten sind
auch der frühere Telekom-Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel und der ehemalige
Vorstandschef Kai-Uwe Ricke. Ihnen droht eine Anklage wegen Untreue.
FAST TÄGLICH NEUE DETAILS
Seit der Weitergabe der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft werden fast
täglich neue Details aus dem rund 7500 Seiten umfassenden Dokument
veröffentlicht. Dem “Handelsblatt” liegt die umfangreiche Akte nach eigenen
Angaben vor. Laut der Zeitung sollen auch Bankkonten von Telekom-Mitarbeitern
ausgeforscht worden sein. Außerdem soll Zumwinkel intern Druck gemacht haben,
“den Spitzelfall zu vertuschen”.
Die nun bekanntgewordenen Vorgänge stehen nicht direkt im Zusammenhang mit
der Bespitzelung von Journalisten und Aufsichtsräten, geben aber Hinweise
darauf, wie es noch vor ein paar Jahren in dem Konzern um das Thema Datenschutz
bestellt war. “Inzwischen hat sich die Kultur in diesem Unternehmen
grundsätzlich geändert”, erklärte ein Telekom-Sprecher.
‘HB’: DUTZENDE VON ABFRAGEN
Bis die von den Bespitzelungsaktionen Betroffenen – darunter Aufsichtsräte
und Journalisten – selbst die Papiere zu Gesicht bekommen, könnte es noch eine
Weile dauern. Sie können Akteneinsicht beantragen, hieß es von der Bonner
Staatsanwaltschaft. Die Verteidiger könnten sich allerdings dagegen wenden, wenn
sie persönliche Interessen ihrer Mandanten betroffen sähen.
Als Beispiel für die Schnüffeleien im Privatleben von potenziellen
Mitarbeitern nennt das “Handelsblatt” einen Bericht über die Managerin eines
kroatischen Telekommunikations-Unternehmens, die für eine Führungsposition bei
der dortigen Telekom-Tochter im Gespräch gewesen sei. Das von einer deutschen
Detektei erstellten Dokument mit dem Aufdruck “Konzernsicherheit
Personalscreening” aus dem Jahr 2004 enthalte detaillierte Aussagen zum
Sexualleben und den Liebhabern der Managerin. Auch werde der Rufe ihrer
Schwester als “aktive Vertreterin der freien Liebe” dokumentiert.
Ein ehemaliger Sicherheitsberater der Telekom sagte der Zeitung, er habe
gesicherte Erkenntnisse, dass die Telekom in Ländern wie Kroatien und Ungarn
Dutzende von Abfragen mit Ausleuchtung des Intimlebens habe durchführen lassen.
Bei anderen Untersuchungen war laut “Handelsblatt” auch der
Bundesnachrichtendienst (BND) im Spiel. Ein Sprecher sagte, der BND könne den
Vorgang grundsätzlich nicht kommentieren.
Nach Angaben eines Telekom-Sprechers führt der Konzern generell keine
Analysen zum privaten Umfeld von Bewerbern durch. Die Konzernsicherheit habe der
Personalabteilung Ende 2004 einen Bericht als Beispiel für mögliche
Personalscreenings präsentiert, der auch private Informationen enthalten habe,
erklärte der Sprecher. Der Vorschlag, diese Art Screenings als Standard
einzuführen, sei von der Personalabteilung abgelehnt worden. Die Telekom hat
bislang genau wie die Betroffenen keine Einsicht in die Ermittlungsakten.
Der Vorsitzende des im Herbst ins Leben gerufenen externen
Datenschutzbeirats, Lothar Schröder, attestiert dem Unternehmen, dass seit
Bekanntwerden des Spitzelskandals im vergangenen Jahr beim Thema Datenschutz
einiges getan wurde. “Wir sind aber noch nicht am Ziel.” Der
ver.di-Bundesvorstand vertritt im Telekom-Aufsichtsrat die Interessen der
Mitarbeiter.
In Reaktion auf die Ausspäh-Affäre verwickelt sein sollen, würden in Zukunft
alle Möglichkeiten zur Prävention genutzt, erklärte Schröder. Der Frage des
Mitarbeiter-Datenschutzes werde sich der Beirat in seiner nächsten Sitzung im
September besonders annehmen. Der inzwischen bekanntgewordene Abgleich von
Mitarbeiter-Bankdaten mit denen von Lieferanten sei nicht mit den Vorfällen bei
der Bahn vergleichbar. So seien die Daten zum Beispiel anonymisiert und hätten
zu keinem Ergebnis geführt./gr/ba/so/DP/wiz
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