15:54 | 03.02.2012
ROUNDUP/Kreuzfahrt-Branche stöhnt: Viele Reisende bleiben weg
MIAMI/HAMBURG/BERLIN (dpa-AFX) – Die Tragödie auf dem italienischen
Kreuzfahrtschiff “Costa Concordia” schreckt viele Reisende ab. Nach
Branchenprimus Carnival , dem Eigner der “Costa Concordia”,
vermeldete jetzt auch das weltweit zweitgrößte Kreuzfahrtunternehmen Royal
Caribbean einen regelrechten Einbruch. In Nordamerika seien die Buchungen im
Vergleich zum Vorjahr um 10 bis 15 Prozent gesunken, in Europa sei der Rückgang
sogar noch höher ausgefallen, teilte der US-Konzern mit.
Es gebe derzeit eine große Unsicherheit, stellte Royal Carribean am
Donnerstag fest. Firmenchef Richard Fain erklärte in Miami, jeder in der Branche
sei am Boden zerstört. “Unsere Gedanken sind bei den Passagieren,
Crewmitgliedern und Familien, die von der Tragödie heimgesucht wurden.” Nach dem
Unglück vom 13. Januar vor der italienischen Küste wurden bislang 17 Todesopfer
geborgen.
Doch während die marktbeherrschenden US-Kreuzfahrtkonzerne düstere Wolken am
Himmel sehen, berichteten die deutschen Reedereien Tui
Cruises und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, es gebe keine Buchungsrückgänge. Beide
Gesellschaften gehören zum Reisekonzern Tui. Bei Tui Cruises sitzt allerdings
auch Royal Carribean zur Hälfte mit im Boot.
Die Einbrüche in Europa, von denen der US-Konzern berichtete, bestätigte Tui
Cruises nicht. “Wenn wir uns die Zahlen für die aktuelle Buchungsperiode 2012
anschauen, können wir noch keine Auffälligkeiten feststellen”, sagte eine
Tui-Cruises-Sprecherin am Freitag in Hamburg. Allerdings würden gerade auf dem
deutschen Markt viele Reisen – etwa für die Nordland-Routen nach Skandinavien -
oft Monate im Voraus gebucht. “Ob sich das Unglück für die neue Saison 2013
auswirkt, können wir jetzt noch nicht absehen.”
Viele Kunden hätten sich allerdings nach den Sicherheitsvorkehrungen und
Übungen zur Seenotrettung erkundigt, sagte die Sprecherin. Die Übungen würden
bei Tui Cruises ab sofort immer vor dem Auslaufen der Schiffe gemacht. Üblich
ist, dass sie erst auf See stattfinden.
Vollkommen ruhig sieht die Lage nach eigenen Angaben bei Hapag-Lloyd
Kreuzfahrten aus. Es gebe es weder mehr Anfragen im Buchungscenter, noch
rückläufige Buchungen, versicherte eine Sprecherin in Hamburg. Hapag-Lloyd
bediene mit kleineren Schiffen allerdings auch speziell den deutschen Markt und
sei daher nicht mit Unternehmen wie Carnival oder Royal Carribbean vergleichbar.
Der Anteil von Stammkunden sei weitaus höher.
Die Reederei Aida, die zu Carnival gehört, teilte mit, sie könne als Tochter
eines börsennotierten Konzerns dessen Mitteilung nicht weiter kommentieren.
Der weltgrößte Kreuzfahrt-Konzern Carnival hatte zu Wochenbeginn von
Buchungsrückgängen von rund 15 Prozent berichtet. Carnival hält rund die Hälfte
am Weltmarkt. Auch die italienische Reederei “Costa Crociere” mit dem
Unglücksschiff “Costa Concordia” gehört zum Konzern. Den größten Einbruch habe
es drei Tage nach dem Unglück gegeben, hatte Carnival erklärt.
Der Deutsche Reiseverband (DRV) in Berlin verwies auf ein anhaltend gutes
Branchenklima – soweit sich dies wenige Wochen nach dem Unglück überhaupt schon
sagen lasse: “Die Stimmung hat sich nicht grundlegend geändert”, sagte eine
Sprecherin. Die Buchungen für 2012 seien überwiegend abgeschlossen. “Wir haben
keine Hinweise darauf, dass es eine größere Storno-Welle gibt. Was wir aus den
Reisebüros hören, ist, dass die Kreuzfahrt als Reiseform weiter gut gebucht
wird.” Bei einzelnen Anbietern könne dies anders sein.
Kreuzfahrten blieben eine der sichersten Arten, Urlaub zu machen, erklärte
der Verband. Nach seinen Angaben kamen weltweit zwischen 2005 und 2010 bei rund
100 Millionen beförderten Passagieren nur 16 Reisende durch Unfälle ums Leben.
Angesichts der Angst vieler Reisenden, ein Schiff zu betreten, rechnet
Kreuzfahrtriese Royal Caribbean im ersten Quartal damit, dass der Gewinn im
Vergleich zum Vorjahreszeitraum um bis zu 76 Prozent einbricht. Die hohen
Spritpreise machen die Lage für die erfolgsverwöhnten Reedereien noch prekärer.
Im vergangenen Jahr war der Gewinn noch deutlich gestiegen.
Allerdings geht Konzernchef Fain davon aus, dass im Laufe des Jahres – je
länger das Unglück zurückliegt – die Kunden zurückkehren. Es gebe bereits eine
leichte Erholung bei den Buchungen. Im Gesamtjahr rechnet Royal Carribean
deshalb noch mit einem Gewinnrückgang von maximal 20 Prozent./hoe/DP/tw
|