AGENTURMELDUNGEN

9:15 | 01.07.2011
ROUNDUP/ThyssenKrupp: Verkauf von Blohm + Voss an Abu Dhabi Mar geplatzt

    ESSEN (dpa-AFX) – Der sicher geglaubte Verkauf der Hamburger
Traditionswerft Blohm + Voss vom Industriekonzern ThyssenKrupp an die
arabische Schiffbaugruppe Abu Dhabi Mar ist gescheitert. ThyssenKrupp begründete
dies am Freitag mit dem politischen Umbruch im Nahen Osten. Die “kommerziellen
Anreize” hätten sich abgeschwächt. Auch aus der geplanten Kooperation im
militärischen Schiffbau wird nichts. Lediglich den zivilen Teil der Kieler Werft
HDW Gaarden wollen die Araber noch übernehmen. ThyssenKrupp kündigte an, nun
einen neuen Käufer für die zivilen Teile von Blohm + Voss suchen und den
Kriegsschiffbau in eigener Regie weiterbetreiben zu wollen.

Der Verkauf an Abu Dhabi Mar galt eigentlich bereits lange als perfekt.
Schon im Herbst 2009 hatten sich beide Seiten im Grundsatz auf das Geschäft
verständigt, mit dem die Araber den Schiffsneubau, das Reparaturgeschäft und
eine Maschinenbausparte mehrheitlich übernehmen sollten. Zudem war ein
Gemeinschaftsunternehmen für den militärischen Teil von Blohm + Voss geplant.
Einen entsprechenden Vertrag unterzeichneten beide Seiten im April 2010, die
EU-Kommission gab im August 2010 grünes Licht für das Geschäft. Doch dann traten
immer neue Verzögerungen ein, unter anderem als der Staatsfonds Mubadala bei Abu
Dhabi Mar einstieg.

RÜCKSCHLAG FÜR NEUE STRATEGIE

ThyssenKrupp hatte in der Finanz- und Wirtschaftskrise eine deutliche
Verkleinerung seiner angeschlagenen Schiffbausparte beschlossen. In diesem
Prozess wurden etwa die Emder Nordseewerke an die Siag-Gruppe verkauft, die dort
nun Teile für Windparks auf hoher See baut. Zudem gelang dem Konzern nach
jahrelangen Verhandlungen der Verkauf der griechischen Werft HSY an Abu Dhabi
Mar. Dies galt eigentlich als der schwierigste Teil des Umbaus.

Mit dem Scheitern des Blohm+Voss-Verkaufs bekommt der neue ThyssenKrupp-Chef
Heinrich Hiesinger nun ein längst abgehakt geglaubtes Problem zurück. Der seit
Januar amtierende Manager will dem hoch verschuldeten Industriekonzern ein neues
Gesicht geben. Unternehmensteile mit einem Umsatz von zusammen rund zehn
Milliarden Euro sollen verkauft werden. Im Blick hat Hiesinger dabei vor allem
die Automobilzulieferung und die Edelstahlsparte. Blohm + Voss kommt nun wieder
dazu.

MILITÄRISCHER SCHIFFBAU BLEIBT IM KONZERN

Fester Bestandteil des ThyssenKrupp-Konzerns bleiben soll lediglich der
militärische Schiffbau, in dem sich das Unternehmen mit seiner Hochtechnologie
in einer guten Position sieht. Dieser Bereich werde in Zukunft zum Ergebnis des
Konzerns “wieder angemessen beitragen können”.

Dazu gehört vor allem der U-Boot-Bau bei HDW Gaarden in Kiel und bei Kockums
in Schweden. Die Zukunftsfähigkeit dieses Geschäfts sieht das Unternehmen unter
anderem durch einen Großauftrag aus der Türkei bestätigt. Das Land bestellte
sechs Boote im Wert von rund zwei Milliarden Euro. Nachdem die Anzahlung
eingegangen sei, könne der Bau nun beginnen, erklärte ThyssenKrupp. Der Auftrag
garantiere für die nächsten zehn Jahre Beschäftigung.

NEUE GESELLSCHAFT FÜR MARINE-ÜBERWASSERGESCHÄFT

Daneben soll es nun auch für das Marine-Überwassergeschäft eine Zukunft im
Konzern geben. Ursprünglich sollte dieser Bereich künftig zusammen mit Abu Dhabi
Mar betrieben werden. Dabei hätte sich ThyssenKrupp um die Nato-Länder kümmern
sollen, Abu Dhabi Mar um den arabischen und nordafrikanischen Raum.

Inzwischen hat ThyssenKrupp seine militärischen Überwasseraktivitäten in
Hamburg und Emden in der neuen Blohm+Voss Naval GmbH zusammengefasst. Mit rund
500 Mitarbeitern kümmert sich die Gesellschaft um Entwicklung, Einkauf und
Projektmanagement beim Bau von komplexen Kriegsschiffen. Sie soll mit
verschiedenen Partnern im In- und Ausland zusammenarbeiten, die dann die
Fertigung der Schiffe übernehmen. Selbst will ThyssenKrupp keine
Überwasser-Kriegsschiffe bauen. Für die Deutsche Marine arbeitet die Sparte
derzeit an vier Schiffen und ist damit den Angaben zufolge solide ausgelastet.
Zudem sei erstmals seit vielen Jahren wieder ein Exporterfolg zu
erwarten./enl/jha/wiz


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