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Siemens will im Atomgeschäft eigene Wege gehen: Weltweiter Boom-Markt

MÜNCHEN (dpa-AFX) – Der Elektrokonzern Siemens will im
Atomgeschäft künftig eigene Wege gehen. Während Deutschland unter der großen
Koalition aus Union und SPD am Ausstieg aus der Kernenergie festhält, lässt der
weltweit wachsende Energiehunger die Nachfrage nach neuen Kraftwerkskapazitäten
boomen. Von diesem Kuchen will sich Siemens künftig ein größeres Stück sichern,
als es die Partnerschaft mit dem französischen Atomkonzern Areva
bisher erlaubt. Deshalb galt ein Ausstieg aus dem
Gemeinschaftsunternehmen Areva NP schon vor der Siemens-Aufsichtsratssitzung am
Montagabend als ausgemachte Sache. Die Deutschen seien mit ihrer Rolle als
Minderheitsaktionär nicht zufrieden, heißt es in Branchenkreisen.

Die seit 2001 bestehende Kooperation zwischen Siemens und Areva umfasst den
Bau von Atomreaktoren und die Kerntechnik. Als Junior- Partner mit einer
Beteiligung von 34 Prozent fehlt es dem deutschen Konzern an unternehmerischen
Gestaltungsmöglichkeiten und Mitspracherechten. Deutlich wird dieses Problem
beim Bau des finnischen Reaktors Olkiluoto. Verzögerungen bei dem Projekt haben
den Elektrokonzern bereits viel Geld gekostet.

MEHRERE WEGE OFFEN

“Es ist schwierig für Siemens, eine Perspektive für weiteres Geschäft zu
finden”, sagt ein Branchenexperte. Nach einem möglichen Ausstieg aus der
Kooperation könnte der deutsche Elektrokonzern nun verschiedene Wege gehen – von
neuen Partnerschaften bis hin zu möglichen Übernahmen. Potenzieller Kandidat für
eine Kooperation soll dabei der russische Staatskonzern Atomenergoprom sein.
Siemens hält sich dazu bislang bedeckt.

Der globale Markt gilt als vielversprechend. Bis 2030 sind nach derzeitigem
Stand weltweit mehr als 400 neue Atomkraftwerke mit einem Projektvolumen von
rund einer Billion Euro geplant. Alleine in China sollen bis 2020 rund 30 neue
Meiler entstehen. Als Treiber für den Markt gilt neben dem wachsenden
Energiebedarf und den begrenzten Ressourcen auch der Klimawandel. Energieriesen
wie E.ON und RWE heben immer wieder die Rolle der Kernkraft bei der angestrebten
Verringerung der klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen hervor. So verkündeten
die beiden deutschen Unternehmen erst kürzlich Pläne für den Bau neuer
Atommeiler im europäischen Ausland.

ALTE TRÄUME WERDEN WIEDER WACH

In Paris lassen die Siemens-Pläne für einen Ausstieg bei Areva derweil alte
Träume von einem französischen “Weltchampion” der Kernkraft neu erblühen. Doch
noch ist nichts fest geregelt. Areva braucht Milliarden – und es gibt Sorgen
wegen des Sinneswandels in Deutschland.

Noch Mitte 2007 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrem Veto das
Drängen des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy gestoppt, Siemens
aus Areva herauszudrängen. Der Franzose wollte, dass der Staatskonzern Areva
eine Option zieht, 2011 den 34- Prozent-Anteil von Siemens am Atomreaktorbauer
Areva NP zu übernehmen. Dann wollte Sarkozy Areva mit dem heimischen Siemens-
Konkurrenten Alstom und dem Baukonzern seines Freundes
Martin Bouygues verschmelzen. Der neue Gesamtkonzern könnte
Atomkraftwerke vom Betonbau über die Reaktoren bis zur konventionellen
Elektrotechnik komplett anbieten. Doch Sarkozy konnte sich nicht leisten, Merkel
zu verärgern, das Projekt versandete.

Bei dieser Vorgeschichte hat die Meldung vom Sinneswandel von Siemens in
Frankreich eingeschlagen wie eine Bombe. Schließlich hatte Siemens noch im
September sein Interesse bekundet, “mehrere Milliarden Euro” in Areva zu
investieren. In den kommenden acht Jahren allerdings darf Siemens laut
Aktionärspakt den Franzosen keine Konkurrenz machen. Die Partnerschaft würde bei
einem Ausstieg zum jetzigen Zeitpunkt allerdings erst 2012 auslaufen -
ausreichend Zeit also für Verhandlungen, heißt es in Branchenkreisen./cs/hn/DP
/ck

— Von Christine Schultze und Hans-Hermann Nikolei, dpa —

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