15:29 | 16.11.2008
Tausende Isländer demonstrieren wegen Finanzkrise – Kredite kommen
REYKJAVIK/WASHINGTON (dpa-AFX) – Mehr als 6.000 Isländer haben am Wochenende
in der Hauptstadt Reykjavik gegen die Folgen der Finanzkrise protestiert. Bei
einer Kundgebung vor dem Parlamentsgebäude des “Althing” verlangten Sprecher den
Rücktritt von Ministerpräsident Geir Haarde wegen Untätigkeit und vorgezogene
Neuwahlen. Teilnehmer der für das kleine Island ungewöhnlich stark besuchten
Versammlung warfen Tomaten, Eier und Toilettenpapier.
Am Rande des G20-Gipfels in Washington kündigte der Chef des Internationalen
Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, fast zur gleichen Stunde die
Bereitstellung von zwei Milliarden Dollar (1,6 Milliarden Euro) Kredithilfe für
die Atlantikinsel für diesen Mittwoch an. Die 320 000 Bürger Islands sind nach
dem Zusammenbruch der drei größten Banken von einem Staatsbankrott bedroht. Sie
haben mit einer Inflationsrate von 15 Prozent, Leitzinsen von 18 Prozent und
einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu kämpfen.
In Brüssel protestierten ebenfalls am Samstag mehrere hundert belgische
Kunden isländischer Banken gegen den drohenden Verlust ihrer Einlagen.
Wichtigster Auslöser für den Zusammenbruch dieser Banken war ihre über Jahre
aggressiv betriebene internationale Expansion mit Hilfe von gewagten Krediten.
In Deutschland sind 30.000 Kunden der Kaupthing-Bank mit Einlagen über 300
Millionen Euro und in Großbritannien sowie den Niederlanden mehr als 300.000
Kunden der Internetbank Icesave mit mehr als drei Milliarden Euro betroffen.
Wegen der bisherigen Verweigerung von Garantien der Regierung in Reykjavik
für die ausländischen Einlagen hat der IWF seinen vor knapp vier Wochen im
Grundsatz bewilligten Kredit noch nicht freigegeben. Haarde wollte am Wochenende
nicht mitteilen, in welcher Form es eine Einigung über die Zurückerstattung von
Auslandseinlagen gibt. Im Bankenviertel von Zürich protestierten am Wochenende
auch Schweizer gegen die Verantwortlichen der Finanzkrise. Gewerkschafter und
Parteiensprecher forderten eine “soziale Wende” und ein “Ende der Abzockerei”.
Die Polizei schätzte die Zahl der Demonstranten auf 900, die Organisatoren
sprachen von 3.500./tb/ff/hpd/DP/he
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