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12:43 | 06.12.2017
Bilanzskandal: Steinhoff verschiebt Jahreszahlen und entlässt Vorstand

Was kommt da noch alles? Die bange Frage dürften sich die Anleger von Steinhoff stellen, dem Möbelkonzern mit Rechtssitz in Amsterdam und einem operativen Hauptquartier in Südafrika. Das Unternehmen, zu dem auch die Möbelkette Poco gehört, steckt mitten in einem Bilanzskandal.

Die Negativmeldungen reißen nicht ab: Der Vorstandschef muss wegen Unregelmäßigkeiten in den Büchern gehen, die Jahreszahlen wurden auf unbestimmte Zeit verschoben und die Börsenaufsicht in Südafrika prüft mögliche Fälle von Insiderhandel. Da überrascht es nicht, dass die im MDAX notierte Aktie sich im freien Fall befindet und alleine heute über 60 (!) Prozent verliert und auf einem Rekordtief von 1,10 Euro notiert, nachdem sie bereits am Vortag unter Druck geraten war.

Gestern trennte sich Steinhoff mit sofortiger Wirkung von Konzernchef Markus Jooste. Aufsichtsratschef Christo Wiese soll den Konzern nun übergangsweise führen. Als Grund nannte die Gesellschaft neue Informationen über finanzielle Unregelmäßigkeiten. Möglicherweise müssten auch die Zahlen von früheren Jahren geändert werden. Die Prüfgesellschaft PwC soll nun eine unabhängige Untersuchung durchführen. Außerdem muss auch der Chef der Afrika-Tochter Star seinen Hut nehmen.

Die geprüften Zahlen für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr will das Unternehmen nun erst veröffentlichen, wenn es dazu in der Lage ist, wie es heißt. Eigentlich war die Zahlenvorlage für diese Woche vorgesehen.

`Finger von der Aktie lassen!`

Commerzbank-Analyst Andreas Riemann warnt in seiner Studie vor Investitionen in den Konzern. Anleger sollten ihre Finger von den Aktien des Möbelkonzerns lassen. Die Untersuchungen seien eine schlechte Nachricht und stellten ein großes Fragezeichen hinter die Ergebnisse der vergangenen Jahre.

Stephen Carrott von der Investmentbank JPMorgan revidierte derweil seine Empfehlung für die Papiere. Seine Gewinnschätzungen ließ der Experte zwar zunächst unangetastet. Sie stünden allerdings inzwischen auf tönernen Füßen, betonte er. Das Analysehaus Kepler Cheuvreux hat die Bewertung der Aktien von Steinhoff zunächst eingestellt. Der Ausgang der eingeleiteten Untersuchung der Bilanzen der vergangenen Jahre sei völlig unklar, schrieb Analyst Jürgen Kolb in einer am Mittwoch vorliegenden Studie.

Verdacht der Bilanzfälschung bereits im Sommer

Im September brachte Steinhoff seine Afrika-Tochter Star an die Börse. In dieser sind neben Möbel- und Textilketten auch Elektronikhändler, Baustoffmärkte und Finanzdienstleitungen gebündelt. Star-Chef Ben La Grange gab am Mittwoch ebenfalls seinen Rücktritt bekannt, Nachfolger wird Leon Lourens. Dabei beteuerte der Konzern, von den Vorgängen bei Steinhoff nicht betroffen zu sein.

Im Sommer hatte das “Manager Magazin” im Fall von Steinhoff über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen des Verdachts der Bilanzfälschung berichtet. Bereits daraufhin brach der Aktienkurs ein. Steinhoff hatte die Vorwürfe unredlicher Geschäftspraktiken zurückgewiesen. “Wesentliche Fakten und Vorwürfe sind falsch oder irreführend”, teilte der Konzern Ende August mit. Zudem habe das Unternehmen schon im Jahr 2015 auf Untersuchungen wegen Bilanzfragen hingewiesen.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen Manager eines Möbelkonzerns aufgenommen hat. Ermittelt werde gegen “vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche eines Konzerns, zu dem unter anderem ein Möbelhandel-Unternehmen in Westerstede gehört, wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung in Bilanzen”. “Hierdurch könnte gegebenenfalls auch der Bilanzwert des Konzerns zu hoch dargestellt worden sein.” Steinhoff hat seine Europa-Zentrale in Westerstede.

Probleme ohne Ende

Im Fokus der Ermittlungen standen laut Staatsanwaltschaft Verträge über Verkäufe von Firmenanteilen im jeweils dreistelligen Millionenbereich. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens sei zudem eine Strafanzeige einer dritten Person wegen des Verdachts der Urkundenfälschung erstattet worden.

Zudem schwelt ein Rechtsstreit zwischen Steinhoff und einem ehemaligen Joint-Venture-Partner. Im September stellten die OM Handels GmbH und WM Handels GmbH bei der Handelskammer des Amsterdamer Gerichtshofs einen Antrag auf ein Verfahren im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss 2016. Die Unternehmen gehörten dem früheren Geschäftspartner.

Am Dienstag gab nun die südafrikanische Finanzaufsicht bekannt, dass sie mögliche Fälle von Insiderhandel mit Aktien verschiedener Unternehmen prüft, darunter die von Steinhoff. (dpa-AFX / Eig. Ber-.)

Foto © Poco


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