WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN

12:18 | 20.03.2010
Dienstleister hängen von der Industrie ab

Frankfurt/Main (ddp-hes). Auch bei anziehender Konjunktur rechnen
Wirtschaftsexperten mit einem weiteren Abbau von Arbeitsplätzen in
Hessen. «Besonders in der Industrie gibt es noch immer zu viele
Arbeitsplätze», sagte der Geschäftsführer der Vereinigung der
Hessischen Unternehmerverbände (VHU), Volker Fasbender. Überdies
seien mittelständische Betriebe 2010 weiter in einer
«Liquiditätsfalle». Auch Stefan Körzell, Vorsitzender des DGB
Hessen-Thüringen, rechnet landesweit mit einem umfangreichen
Jobabbau. «Die Krise ist noch nicht vorbei», sagte der
Gewerkschafter. Besonders der Anteil prekärer Jobs am Stellenmarkt
werde zunehmen.

Nach Einschätzung von Körzell wird die Metall- und Elektrobranche
unter überdurchschnittlich starkem Druck stehen. «Im Maschinen- und
Anlagenbau rechnen wir ebenfalls mit einem Jobabbau», sagte der
Gewerkschafter. Außerdem koste Kurzarbeit die Unternehmen Geld, das
an anderer Stelle eingespart werde – mit einem branchenübergreifenden
Effekt. «Da wird dann plötzlich auch in einem Reisebüro weniger
gearbeitet, weil an Firmenreisen gespart wird», erklärte der
DGB-Landeschef. Er sieht die Unternehmen ebenfalls in einer
«Liquiditätskrise».

«Konzerne können bei entsprechender Auftragslage über den
Kapitalmarkt notwendige Investitionen vorfinanzieren», sagte
Fasbender. Mittelständlern stehe dieser Weg nicht offen. Gleichzeitig
habe das vergangene Jahr in vielen Betrieben das Geld verknappt. «Das
bedeutet nichts anderes als sinkende Bonität, Kredite werden damit
teurer oder gar nicht erst erteilt», betonte Fasbender. Mit dem
Begriff «Falle» sei diese Situation treffend beschrieben. Nach den
Worten des Verbandschefs sind davon Betriebe betroffen, «die für eine
Sparkasse zu groß, für die Börse aber zu klein sind».

Fasbender erwartet für 2010 den Wegfall von weiteren 100 000 bis
200 000 Stellen in Hessen. Bedroht seien Jobs im Automobilbau, der
Investitionsgüter- und der Druckindustrie. «Trotzdem wurden seit 2009
in Hessen deutlich weniger Stellen abgebaut, als es manche Experten
prognostizierten», sagte Fasbender. Grund sei die besondere
Branchenzusammensetzung im Land mit niedrigeren Industrie- und
höheren Dienstleisteranteilen.

Im Dienstleistungssektor sieht auch Gewerkschaftler Körzell eine
Stütze für den hessischen Arbeitsmarkt im Jahr 2010. «Gesundheits-
und Pflegeberufe werden nachgefragt bleiben.» Körzell kritisierte,
dass in Hessen verglichen zu anderen Bundesländern immer mehr Jobs im
Niedriglohnbereich angesiedelt seien. Dabei sei das
Bruttoinlandsprodukt in Hessen 2009 weniger stark eingebrochen als im
Durchschnitt Deutschlands. Für den Gewerkschafter korreliert diese
Entwicklung mit einer «hessischen Philosophie». Landesregierung und
Unternehmen seien sich darin einig, Mindestlöhne vehement abzulehnen
und Kombilöhne zu favorisieren. «Das wird in Hessen 2010 noch mehr
prekäre Jobs schaffen», prognostizierte Körzell.

Auch die landeseigene Hessen-Agentur gibt in einer in der
vergangenen Woche veröffentlichten Studie «keine Entwarnung». Wie
nach früheren Rezessionen würden 2010 Insolvenzen und
Arbeitslosigkeit in Hessen weiter ansteigen. Langfristig – die
Prognosen reichen bis 2030 – sieht die Agentur in Nord- und
Mittelhessen größeres Wachstumspotenzial als im Rhein-Main-Gebiet.
Mit jetzt 70 Prozent Anteil am hessischen Bruttoinlandsprodukt bleibe
Südhessen zwar auch künftig ein Wirtschaftsmotor. Das
Wirtschaftswachstum werde bei den Unternehmen zwischen Gießen und
Kassel allerdings um 25 Prozent höher sein als südlich der Lahn.

(ddp)


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