14:42 | 25.10.2008
Abschied von Tempelhof
Berlin (ddp-bln). Steffen Wardin fährt mit der Hand über den
schwarzen Steuerknüppel. Sein Blick geht aus dem Cockpit der D-CXXX
mit der dicken schwarzen Aufschrift «Rosinenbomber» hinaus auf das
Rollfeld. Nur etwa zehn kleine Passagierflugzeuge stehen an diesem
Vormittag auf der 486 Quadratmeter großen Fläche. Leer, fast einsam
erscheint der Berliner Flughafen Tempelhof in diesem Moment. Wardin
ist einer der beiden Piloten, die am 30. Oktober als letzte dort
starten dürfen.
«Seit über zehn Jahren ist Tempelhof mein Arbeitsplatz und
weltweit der wohl geschichtsträchtigste Flughafen überhaupt», sagt
der 47-jährige Wardin. Am 30. Oktober endet dort nach über 80 Jahren
der reguläre Flugbetrieb. Der Pilot vom Air Service Berlin und sein
Kollege Gerhard Kohne von der Deutschen Lufthansa-Berlin-Stiftung
werden an diesem Tag kurz vor Mitternacht als letzte mit ihren
Maschinen von Tempelhof in Richtung Schönefeld abheben. Die Flüge
sind den Traditionsflugzeugen «Rosinenbomber» DC3 und der Junker Ju
52 vorbehalten. «Für mich stellt dies natürlich eine Ehre dar, doch
gleichzeitig ist es der traurigste Tag meines fliegerischen Lebens»,
sagt Kohne.
Parallel auf zwei Startbahnen und vor allem zeitgleich wollen die
beiden Piloten Tempelhof verlassen. «Wir werden in den nächsten Tagen
jede Gelegenheit nutzen, um den Parallelstart zu üben», betont Kohne.
Ein Schildkrötenrennen nach dem Motto, wer schafft es, die Maschine
länger auf dem Rollfeld zu halten, soll es nach dem Willen der beiden
Piloten nicht geben.
Kohne fliegt seit 1995 mit der 72 Jahre alten «Tante Ju», wie die
Ju 52 im Volksmund genannt wird, fast täglich Tempelhof an. Dieser
Flughafen sei für ihn immer etwas Besonderes gewesen. Das «spezielle
Ambiente», die zentrale Lage, das riesige Flughafengebäude, das frei
tragende Dach, das in das Rollfeld hineinreicht und die darunter
einzigartige Akustik, machten ihn zum «schönsten Flughafen der Welt».
Für Wardin liegt die Einzigartigkeit von Tempelhof in der
verkehrsgünstigen Lage, es handle sich um einen «Airport der kurzen
Wege».
Die bevorstehende Schließung des Flughafens macht beide Piloten
traurig. «Für Berlin, Deutschland und Europa hat der Flughafen eine
einzigartige Bedeutung, ich hätte mir eine andere Entwicklung
gewünscht», sagt Kohne. Ein Luftfahrtmuseum oder auch die Nutzung des
Airports für Privat- oder Businessmaschinen kann sich Kohne für die
Zukunft vorstellen. Wardin hofft, dass das Gelände zu touristischen
Zwecken im Bereich der Luftfahrt genutzt wird. Der 47-Jährige hatte
bei dem gescheiterten Volksbegehren im Frühjahr gegen die Schließung
Tempelhofs votiert.
In Tempelhof war im Jahr 1909 erstmals ein Motorflugzeug für
einige Minuten vom Boden abgehoben. Nach 1923 entwickelte sich der
Flughafen zum größten Drehkreuz in Europa. Unter dem Nazi-Regime
begann der Bau eines komplett neuen Airports mit für damalige
Verhältnisse gewaltigen Ausmaßen. Das heute unter Denkmalschutz
stehende größte Flughafengebäude der Welt spiegelt Hitlers Größenwahn
wider. Von Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs zeugen
heute noch Einschusslöcher auf dem Rollfeld.
Während der Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion bis 1949
landeten und starteten britische und amerikanische «Rosinenbomber» in
Tempelhof und versorgten so die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln.
Der Airport habe «das Unmögliche möglich gemacht», erläutert Kohne.
Tempelhof wie auch die «Rosinenbomber» wurden zu Freiheitssymbolen.
Rund 300 Mal ist Wardin in Tempelhof gestartet und gelandet. Wenn
er in den vergangenen Jahren auf dem Flughafen war, hat er sich immer
auch an die Vergangenheit erinnert. Es sei immer wie “eine kleine
Zeitreise» gewesen, sagt er. Am Donnerstag wird der Schlusspunkt
gesetzt. «Tempelhof», sagt Kohne, «ist und bleibt für mich die
Freiheitsstatue von Berlin».
(ddp)
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