14:44 | 29.09.2009
Aus für Schiffbau in Emden
Hamburg (ddp-nrd). Die Emder Nordseewerke stehen vor dem größten
Umbruch ihrer 106-jährigen Firmengeschichte. Am Montag hat der
Aufsichtsrat ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) den Verkauf der Werft
an den Windanlagenbauer Siag Schaaf Industrie beschlossen. Durch die
Übernahme sollen 721 der knapp 1200 Stellen erhalten bleiben, teilte
TKMS am Dienstag mit. Künftig werden in der Werft allerdings
Offshore-Windkraftanlagen gebaut. Emden als Standort für zivilen
Schiffbau ist damit Geschichte. Die Mitarbeiter hielten am Dienstag
die Werfttore aus Protest geschlossen.
Wochenlang hatten die Beschäftigten gegen die Aufgabe der
Schiffbausparte am Standort Emden gekämpft. Am Dienstag reagierten
sie schließlich mit Wut und Entsetzen auf die Entscheidung des
Aufsichtsrates. «Viele sind einfach nur geschockt, wütend und böse»,
sagte der Betriebsratschef Fritz Niemeier. Auch für ihn sei es
«völlig unverständlich», dass der Aufsichtsrat so entschieden habe.
«Ich musste ohnmächtig dem Schauspiel beiwohnen.»
Vor den Werkstoren hatten sich die Angestellten am Dienstag
versammelt, um sich «gegenseitig zu stützen», so Niemeier. «Es geht
hier auch darum, dass viele einfach seit Jahren an die Werft gebunden
sind, hier schon ihre Ausbildung gemacht haben und nun nicht wissen,
wie es weitergeht.» Die meisten hätten Angst, im Zuge des Verkaufs
den Arbeitsplatz zu verlieren.
Nach Angaben des Mutterkonzerns sollen allerdings auch 375
Mitarbeiter bei TKMS bleiben, davon 115 in der Emder Niederlassung.
Diese sollen von der Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW)
übernommen werden, die ebenfalls zu TKMS gehört. Etwa 100 Mitarbeiter
sollen freiwillig ausscheiden oder gehen in Altersteilzeit.
Die IG Metall Küste reagierte mit scharfer Kritik auf den Verkauf.
«Das ist ein schwerer Schlag für den Schiffbau in Norddeutschland»,
sagte die Bezirksleiterin der IG Metall Küste, Jutta Blankau. Der
massive Widerstand der Beschäftigten sowie der Protest Tausender
Menschen in Emden seien dem Konzern offenbar egal gewesen.
Auch über die Einwände der niedersächsischen Landesregierung habe
sich das Unternehmen einfach hinweggesetzt, so Blankau. Die
Landesregierung hatte zuvor Gespräche zusammen mit der Konzernleitung
und dem Betriebsrat geführt, um die Schiffbausparte am Standort Emden
noch zu erhalten.
Diese sollen auch am Mittwoch nochmals fortgesetzt werden,
kündigte der niedersächsische Wirtschaftsminister Philipp Rösler
(FDP) am Dienstag an. Die Landesregierung bedauere die Entscheidung
von TKMS, künftig in Emden keine Schiffe mehr bauen zu wollen. «Jetzt
gilt es, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen», so Rösler. Der Konzern
dürfe auch in Zukunft nicht aus der Verantwortung für die
Arbeitnehmer in Emden entlassen werden.
Die Entscheidung für den Verkauf der Nordseewerke war offenbar nur
sehr knapp zustande gekommen. Nach Angaben des Betriebsrates machte
der Aufsichtsratsvorsitzende in einer letzten Abstimmung Gebrauch von
seiner Doppelstimme. In zwei Abstimmungen zuvor hatte es einen Patt
von neun zu neun Stimmen gegeben.
Anders als erwartet wurde am Montag in der Aufsichtsratssitzung
noch nicht über Verkauf von Betriebsanlagen der HDW-Gaarden am
Standort Kiel abgestimmt. Nach Angaben des stellvertretenden
TKMS-Aufsichtsratsvorsitzenden und IG-Metall-Schiffbauexperten Heino
Bade sucht das Unternehmen jedoch weiter nach Partnern für den
Standort. Zudem wolle die Geschäftsleitung 180 Entlassungen gegen den
Willen von Betriebsrat und IG Metall durchsetzen
Am Rande der Aufsichtsratssitzung am Montag hatten Delegationen
aus Emden und Kiel nochmals gegen die Pläne des Vorstandes
protestiert. Die Nordseewerker hatten dem Aufsichtsratsvorsitzenden
mehr als 23 000 Unterschriften für den Erhalt des Schiffbaus in Emden
übergeben. Am Dienstag kündigte der Betriebsrat weitere Gespräche mit
der Landesregierung an. «Ganz ist der Kuchen für uns noch nicht
gegessen», sagte Niemeier. Hoffnungen wolle er aber auch nicht
wecken.
Die Nordseewerke sind in Emden nach Volkswagen der zweitgrößte
Arbeitgeber. Zum Verbund der TKMS gehören neben den Nordseewerke in
Emden und der HDW in Kiel auch Blohm + Voss in Hamburg.
(ddp)
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