13:13 | 02.07.2009
Behindertenwerkstätten von Krise betroffen
Frankfurt/Main (ddp). Sabrina Kasprzyk legt die fingergroßen, mit
Gummiringen ummantelten Plastikröllchen auf eine Metallschiene.
Ordentlich der Reihe nach kullern die Röllchen in einen optischen
Kontrollsensor. Stundenlang macht sie diese Arbeit, Tag für Tag,
Woche für Woche. Man könnte die Aufgabe vielleicht eintönig nennen,
doch die junge Frau mit Down-Syndrom macht sie gern, lächelt fröhlich
und ist stolz auf ihren Job. Schließlich fertigt sie ein kleines,
aber wichtiges Teil für neue Autos. Noch, jedenfalls. Denn vielen
Werkstätten für behinderte Menschen brechen die Aufträge weg.
Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist in den 710 Werkstätten
bundesweit angekommen. Viele von ihnen fertigen Kleinteile direkt für
Autokonzerne wie Volkswagen, Daimler und Opel oder bauen für deren
Zulieferunternehmen kleine Bauteile aus noch viel kleineren
Einzelteilen zusammen. Das ist auch im Dienstleistungszentrum des
Behinderten-Werks Main-Kinzig (BWMK) in Langenselbold so, in dem die
junge Frau arbeitet. «In den ersten drei Monaten dieses Jahres ist
der Auftragseingang im Automobilbereich um 30 Prozent eingebrochen»,
sagt BMWK-Geschäftsführer Martin Berg.
Im zweiten Quartal sei die Auftragslage zwar wieder etwas besser
geworden, aber gut sei etwas anderes, sagt Berg. «Ob die Erholung an
der Einführung der Abwrackprämie liegt, kann ich nicht abschätzen»,
sagt der Leiter des Dienstleistungszentrums, Detlef Ebert. Man sei
vor allem für Zulieferer der deutschen Autohersteller tätig, und die
hätten ja von der Abwrackprämie «nicht so profitiert wie manch ein
billigerer Anbieter», meint Berg. Jedenfalls habe man gespürt, dass
die Auftraggeber «extrem verunsichert» gewesen seien.
Von manchen Kleinteilen, die in Langenselbold vorher zu Tausenden
gefertigt wurden, hätten die Hersteller im ersten Vierteljahr teils
nur so viele Stücke bestellt, «dass wir sie beinahe an einer Hand
abzählen konnten», sagt Ebert. Aber nicht nur bei den Kunden aus der
Autobranche habe man die Zurückhaltung gemerkt. Manches Unternehmen,
das seine Außenanlagen von BWMK-Mitarbeitern pflegen lässt, hielt die
Aufträge mehrere Wochen zurück. «Das bringt aber letztlich auch
nichts», erläutert Ebert: «Das Gras hört ja in der Krise nicht auf zu
wachsen und muss weiterhin gemäht werden.»
Überhaupt nehmen Berg und Ebert die Krise relativ gelassen. Denn
das BWMK hat sich, anders als so manche Werkstatt, die direkt vor den
Toren großer Autokonzerne steht, relativ breit aufgestellt. «Das
heißt, dass auf unseren 1050 Werkstattplätzen an rund 60 Prozent für
die Autoindustrie gearbeitet wird», sagt Berg. Andernorts seien es
fast 100 Prozent. «Wir wollen das aber mittelfristig ändern und die
Quote unter 50 Prozent drücken», ergänzt er. Dazu würden Mitarbeiter
einfach für andere Bereiche geschult und dann dort eingesetzt.
Weil aber nicht alle Werkstätten so vielfältig aufgestellt sind,
fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte
Menschen die öffentliche Hand und die Kostenträger auf, mit den
Werkstätten ins Gespräch zu kommen. Man müsse «über eine Abfederung
der Umsatzeinbrüche» sprechen, sagt AG-Vorsitzender Günter Mosen.
Obwohl Aufträge fehlten, müssten die behinderten Menschen trotzdem
beschäftigt und bezahlt werden, fügte er hinzu. Mosen appellierte an
die Wirtschaft, neue Kooperationsmöglichkeiten auszuloten.
Beim BWMK sei man da schon «auf einem guten Weg», sagt Berg. Die
behinderten Menschen würden bereits heute viel im Bereich Catering
oder eben in der Gartenpflege Arbeit finden. Nichtsdestotrotz zehrt
die Krise auch beim Dienstleistungszentrum in Langenselbold an den
finanziellen Ressourcen. Zumal, da einige Experten die eigentlichen
Auswirkungen der Krise noch gar nicht eingetreten sehen. Zwar habe
man, wie gesetzlich gefordert, Rückstellungen für das Arbeitsentgelt
der Mitarbeiter getätigt. Nach einem durchgehend heftigen Krisenjahr
ginge dann aber auch dem BWMK die Puste aus, sagt Berg.
Das wiederum bedeutet, dass man den behinderten Mitarbeitern ihr
Arbeitsentgelt nicht mehr in der jetzigen Höhe ausbezahlen könnte.
Das nämlich erwirtschaften die Menschen mit Behinderungen durch ihre
Arbeit selbst. Im Moment liegt es bei rund 200 Euro pro Monat. Dafür
steht die junge Frau Tag für Tag acht Stunden an der Metallschiene
und lässt die kleinen Plastikröllchen in den Sensor kullern.
(ddp)
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