MANAGEMENT INTERVIEW

9:51 | 30.12.2011
Recyc Commodities SE: „Unser Geschäftsmodell geht voll und ganz auf!“

Die Aktie der Recyc Commodities SE, einer Finanzholding, die sich an in- und ausländischen Unternehmen vorwiegend aus dem Bereich Recycling und Rohstoffe beteiligt, ist in den vergangenen Wochen massiv eingebrochen.

Diese Entwicklung habe ihre Ursachen jedoch nicht im operativen Geschäft, beruhigt Paul Bosmediano, der geschäftsführende Direktor und Verwaltungsratsvorsitzende der Finanzholding, die Anleger im Interview mit financial.de.

financial.de: Herr Bosmediano, haben Sie eine Erklärung für die drastischen Kursverluste Ihrer Aktie?

Bosmediano: Als geschäftsführendes Organ ist für mich primär das operative Geschäft wichtig, denn es erfordert viel Zeit und personellen Einsatz. Wir arbeiten hart und sind bestrebt, unsere Vertriebskanäle Paulzu stärken. Den Kursverlauf der Recyc-Aktie haben wir mit großer Sorge verfolgt, denn wir sind natürlich daran interessiert, dass der Aktienkurs den Wert des Unternehmens abbildet. So können wir bei Kapitalmaßnahmen höhere Platzierungskurse erreichen. Wir sind vor allem über die Geschwindigkeit des Kursverfalles besorgt, können jedoch nur spekulieren, ob hier sogenannte Leerverkaufsattacken oder Verkaufsempfehlungen im Spiel waren. Am Geschäftsmodell der Recyc Commodities SE jedenfalls hat sich kein Deut verändert.

financial.de: Kürzlich wurde gemeldet, dass die Palladium FZ-LLC keinerlei Recyc-Anteile mehr hält. Sehen Sie hier einen Zusammenhang? Wie beurteilen Sie den Ausstieg dieses Großaktionärs?

Bosmediano: Dieser Aktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hat uns mitgeteilt, dass er keine Aktien unseres Unternehmens mehr besitzt. Die Meldung haben wir unmittelbar danach, wie gesetzlich vorgeschrieben, im elektronischen Bundesanzeiger veröffentlicht. Grundsätzlich steht es jedem Aktionär jederzeit frei, seine Anteile zu veräußern, gleich ob es sich um einen Klein- oder Großaktionär handelt. Palladium FZ-LLC hat als Kapitalgeber einen großen Beitrag für unser Geschäftsmodell geleistet. Es ist mir überdies ein Anliegen klarzustellen, dass ich an Palladium weder direkt noch indirekt beteiligt bin.

financial.de: Sie sind als Hauptaktionär selbst unmittelbar von dem Kursrutsch betroffen und haben über weitere Gesellschaften auch hohe Beträge als Darlehen in das Recycling-Geschäft investiert. Wie sieht nach Ihrer Kenntnis aktuell die Aktionärsstruktur der Recyc Commodities SE aus?

Bosmediano: Der Kursverfall betrifft jeden Aktionär. Ich persönlich bzw. die Firmen, die ich vertrete, sind natürlich sehr stark betroffen, da wir ein hohes Engagement in die Gruppe eingebracht haben: Zurzeit habe ich mehr als 3 Mio. Euro als Finanzierungskapital investiert, ganz zu schweigen von erheblichem Aktienkapital, aber auch Leidenschaft, Ideen, Kraft und Zeit. Unterm Strich ist der Streubesitz nun sicherlich größer geworden, jedoch gibt es im Open Market keine Anzeigepflicht. Für natürliche und juristische Personen ist erst ab 25 Prozent eine Meldung verpflichtend. Derzeit vertrete ich übrigens ca. 400.000 Recyc-Aktien.

financial.de: Der Ankauf von Katalysatoren und die Weiterverarbeitung in den Scheideanstalten ist ein mehrwöchiger, sehr kapitalintensiver Prozess. Wie finanzieren Sie das Geschäft aktuell? Sind eventuell Kapitalmaßnahmen geplant?

Bosmediano: Das Geschäftsmodell erfordert in der Tat recht viel Kapital. Wie bereits erwähnt, habe ich bis dato über Gesellschafterdarlehen mehr als 3 Mio. Euro investiert. Auch weil von den Banken wenig Unterstützung zu erwarten war, habe ich mich entschlossen, das Geschäftsmodell an die Börse zu bringen. Ich hätte mir natürlich gewünscht, bei 5 Euro eine Kapitalerhöhung durchführen zu können. Auf aktuellem Kursniveau wird das wohl nicht möglich sein. Ich schließe aber nicht aus, dass wir trotzdem frisches Kapital aufnehmen – auch bei niedrigem Kurs, denn die Eigenkapitalbasis der Gruppe muss verstärkt werden.

financial.de: Das operative Flaggschiff der Recyc Gruppe ist ja die Provaluta Metall Recycling GmbH (ehemals MWF Metallrecycling GmbH), die Sie inzwischen zu 100 Prozent übernommen haben. Wie hat sich das Geschäft in diesem Jahr entwickelt?

Bosmediano: Es war richtig, die ehemalige MWF vollständig zu übernehmen. Seit der Komplettübernahme der Karlsruher Firma haben wir das Geschäftsmodell weiter verbessert: So wird der Standort Karlsruhe-Rheinhafen zu einer Zentrale für alle Aktivitäten im Bereich Alt-Katalysatoren ausgebaut. Wir erstellen derzeit ein Handbuch sowie einen Geschäftsplan, auf dessen Grundlage künftige Standorte in anderen Ländern entstehen werden. Bitte bedenken Sie: Würde ein Neuling die Provaluta Metall Recycling vollständig übernehmen wollen, müsste er heute zwischen 3 Mio. und 5 Mio. Euro in die Hand nehmen, denn es geht nicht nur um Maschinen, Laboreinrichtungen und Fahrzeuge, sondern auch um Manpower. Mit der Provaluta GmbH haben wir eine solide Firma mit funktionierendem Geschäftsmodell übernommen. Diese Kombination wird der Recyc-Gruppe binnen 12 Monate zu schnellerem Wachstum verhelfen. Karlsruhe wird zu einem zentralen Standort ausgebaut, um den Geschäftsverkehr mit ganz Europa sowie den Weltverbindungen zu tätigen. Über Karlsruhe-Rheinhafen werden sodann alle behördlichen Formalitäten, die Produktion von Rohstoffen und die Vorveredelung abgewickelt.

financial.de: Im Jahr 2010 hat die Provaluta 12,2 Mio. Euro umgesetzt. Wo liegt die Messlatte im zu Ende gehenden Jahr?

Bosmediano: Hinsichtlich der Umsatzzahlen müssen wir noch das Jahresende und die Bilanz abwarten. Ende Januar dürften aber konkrete Zahlen auf den Tisch kommen. Nur so viel vorab: Seit der vollständigen Übernahme der Provaluta Metall Recycling GmbH wurden viele Metalle und Rohmaterialien im Bestand der Firma nicht verkauft, sondern auf Lager gehalten, da derzeit mit drei großen, weltweit tätigen Refinern verhandelt wird, von denen man sich bessere Konditionen erwartet. Dadurch ist der Umsatz im Dezember 2011 natürlich gesunken, was auf besagte Lagerhaltung zurückzuführen ist. Für die gelagerten Edelmetalle ließen sich freilich jederzeit Käufer finden, da die Industrie großen Bedarf hat. Überdies wird die Provaluta künftig auch verstärkt die Gewinnung von Gold und Silber aus elektronischem Schrott forcieren. Dieser Bereich könnte 2012 dann zu einer Umsatzsteigerung führen.

financial.de: Dreh- und Angelpunkt des Recyc-Geschäftsmodelles ist der Ankauf von Katalysatoren. 2011 haben Sie sich an der Hamburger Hansekat Recycling GmbH beteiligt und auch der Aufbau eines internationalen Einkaufsnetzwerkes kommt voran: In Spanien wurde den Meldungen zufolge eine erste Auslandsniederlassung eröffnet. Welche Mengen an Kat-Keramik konnten Sie über dieses Netzwerk inzwischen einsammeln? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung in 2012 und darüber hinaus?

Bosmediano: Hansekat hat mit der alteingesessenen ETH-Umwelttechnik GmbH, ebenfalls aus Hamburg, ein Joint Venture gegründet. An diesem Geschäftsmodell ist Recyc über ihre Tochter, die Provaluta AG, beteiligt. Hansekat Recycling hat überdies bereits in das neue Geschäft investiert und auf der Gesellschafterversammlung über die weitere Strategie und Geschäftsausrichtung entschieden. Entsprechende Synergien sollen im zweiten Quartal des neuen Jahres verstärkt werden, um einen besseren Materialeinkauf zu gewährleisten. Zudem wurde, wie Sie richtig anmerken, in Spanien eine erste Auslandsniederlassung der Recyc-Gruppe eingerichtet und etabliert. Diese kümmert sich in erster Linie um das Networking, also neue Geschäftskontakte, insbesondere zu Kat-Lieferanten.

financial.de: Und welche Wege geht das aus den spanischen Katalysatoren gewonnene Material?

Bosmediano: Nun, das dabei gewonnene Material wird wie geplant über Kommissionsgeschäfte an die Muttergesellschaft der Provaluta Metall Recycling GmbH, also die Provaluta AG, weiter vermittelt. Der Niederlassung Spanien ist es im Übrigen gelungen, einen sehr wichtigen Kunden aus Marokko in eine regelmäßige Materiallieferung einzubinden. Weitere Geschäftsverbindungen konnten mit Kunden in Venezuela und Bolivien aufgebaut werden, was sich 2012 sicherlich positiv auf den Materialeinkauf auswirken dürfte. Unser Ableger in Spanien hat sich das Ziel gesetzt, im kommenden Jahr 10 bis 15 Tonnen Material zu liefern.

financial.de: Teil Ihrer Strategie ist der Aufbau eines eigenen Bestandes an Rhodium, ein Edelmetall, das ebenfalls aus den Altkatalysatoren gewonnen wird. Nun liegt die Frage nahe, über welche Rhodium-Mengen Sie inzwischen verfügen? Wie hat sich der Bestand im Jahresverlauf entwickelt?

Bosmediano: In der Tat haben wir bislang das selbst produzierte oder angekaufte Rhodium nicht verkauft. Inzwischen horten wir 40 kg an Rhodium, dessen Preis 2011 stark gefallen ist, so dass unser Bestand unter den Einkaufswerten liegt. Jedoch erwarten wir in den kommenden 6 bis 12 Monaten eine spürbare Erholung des Rhodium-Preises. Kostete ein Kilogramm Rhodium im Jahr 2008 noch mehr als 210.000 Euro, so sind es heute nur noch rund 33.000 Euro. Das nach wie vor teuerste Edelmetall der Welt – und für die Auto- und Schmuckindustrie unverzichtbarer Wertstoff – kann zwar weiter im Wert fallen, jedoch sicherlich nicht gegen NULL, denn die Abnehmer sind in den nächsten Monaten verpflichtet, ihre Liefervereinbarungen mit der Industrie für die Zukunft zu sichern.

financial.de: Gibt es Gründe, weshalb sich Rhodium so viel schlechter als Gold und Silber entwickelt?

Bosmediano: In der Tat gibt es einen gewichtigen Grund: Rhodium wird an den Metallbörsen vernachlässigt, weil die Nachfrage von Fonds, Vermögensverwaltern und Anlegern fehlt. Dem spekulativen Geld dieser Welt  mangelt es schlichtweg an Möglichkeiten, um in dieses seltene Edelmetall zu investieren. Die Recyc-Gruppe verhandelt deshalb mit einigen Emissionshäusern, was zur Auflage offener oder geschlossener Investmentfonds führen könnte. Hierbei soll Recyc nicht zwingend als Emittent dieser Produkte fungieren, sondern vielmehr als Partner und Rohstofflieferant zur Verfügung stehen.

financial.de: Recyc sitzt also auf 40 kg Rhodium im Gegenwert von gut 1,3 Mio. Euro. Das entspricht mehr als zwei Drittel des Börsenwertes. Das findet man selten!

Bosmediano: Vollkommen richtig: Anleger bekommen derzeit das profitable Recycling-Geschäft fast umsonst. Allein mit Blick auf unsere Firmenwerte und den Bestand an Rhodium, Palladium und Platin, der in Karlsruhe-Rheinhafen zur Verfügung steht, ist es für mich nicht nachvollziehbar, weshalb sich der Kurs derart irrational entwickelt hat. Zur zukünftigen Entwicklung, auf die ich bereits zu sprechen kam, möchte ich noch hinzufügen, dass wir im Handel mit anderen Edelmetallen, beispielsweise Silber, ein noch intensiveres Interesse erfahren haben. Dies war nur durch die vollständige Übernahme der Provaluta Metall Recycling GmbH in Karlsruhe-Rheinhafen möglich. In den letzten zwei Monaten wurden durchschnittlich 400 kg Silber gehandelt. Wir werden bis zu 1000 Kilo handeln können, wenn wir hierfür entsprechende Mittel erhalten. Ergo können wir festhalten, dass unser Geschäftsmodell voll und ganz aufgeht. Dies ist umso erfreulicher, wenn man sich die momentane Lage der Weltwirtschaft vor Augen hält: Während Banken und Staaten stark angeschlagen sind, schafft unsere Gruppe mit Investitionen in handfeste Rohstoffe Sicherheit und prosperierende Aussichten.

financial.de: Herr Bosmediano, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Das komplette Interview können Sie auch hier als PDF herunterladen:


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